Facebooks Geschichte politischer „Zensur“

Radiotalk-Host Domian hatte gestern abend einen halb-kritischen Text zum Papst veröffentlicht, der von Facebook gelöscht wurde, noch dazu wurden gleich ein paar Artikel zur Homo-Ehe „zensiert“. Dafür hat sich Facebook nun entschuldigt (mit drei Ausrufezeichen – ein stilistisch infantiler Bonmot in dieser Posse), das Posting bleibt allerdings gelöscht. Nun könnte man sich über die „Zensur“ aufregen oder aber schulterzuckend meinen, dass Facebook eine privat finanzierte Plattform ist, die mit Hausrecht agiert und „zensieren“ kann, was sie will. Beides ist leider nicht so einfach.

Natürlich hat Facebook das Recht, ihre ToS so zu schreiben, wie sie wollen und sie können auf ihrer Plattform löschen, was sie wollen. Facebook ist keine öffentliche Plattform, bestenfalls eine semi-öffentliche. Deshalb ist das Löschen von Inhalten auch keine Zensur, weshalb ich das Wort hier nur in Anführungszeichen schreibe – Zensur ist per Definition der Eingriff des Staates in Mediendistribution und -herstellung.

Und hier landen wir beim „semi“-öffentlich. Natürlich ist Facebook eine semi-öffentliche Plattform und wird von den Usern als öffentlicher Raum wahrgenommen. Und Johnny hatte in seinem Web-Zurückerobern-Artikel falsch beobachtet, dass die Diskussion „zerfasere“ – das Gegenteil ist der Fall. Die Konsversation im Web läuft im Jahr 2013 zentralisiert über zwei Plattformen: Twitter und Facebook, gebündelt über Mechanismen wie #Hashtags. Die Konversation läuft zentralisiert, weil Menschen online am liebsten dort diskutieren und reden, wo andere Menschen sind. Ich erinnere an das Cluetrain Manifest: Märkte sind Gespräche. Im Normalfall ist das relativ bequem, aber es führt dazu, dass Facebook und Twitter die Verfügungsgewalt über eben diese Konversation erhalten. Und das wird zum Problem, wenn hier ein Konzern agiert, der seine Plattform mit puritanisch-amerikanischen Disney-Verstellungen sauber halten will.

Facebook hat eine lange Tradition in „Zensur“, neben der albernen Löschung von Nippeln und der nicht mehr albernen Blockierung von „irrelevanten“ Kommentaren, kommt es immer wieder zu offensichtlich gezielten und konzertierten Aktionen gegen politische Inhalte. Facebook löschte die Pages britischer Aktivisten während des Royal Weddings, löscht die Seiten von Verschwörungsspinnern und Ghandi-Zitate, CNN-Reporter und Insider aus Washington, harmlose Facebook-Parodien oder auch die Seite von Filmkritiker Roger Ebert.

Facebook erledigt diesen „Zensur“-Job mit Hilfe einer outgesourcten Löschbrigade, zumindest im englischsprachigen Raum. Gawker hatte dazu vor einem Jahr einen sehr erhellenden Artikel: Inside Facebook’s Outsourced Anti-Porn and Gore Brigade, Where ‘Camel Toes’ are More Offensive Than ‘Crushed Heads’.

Derkaoui found his job through the California-based outsourcing firm oDesk, which provides content moderation services to both Google and Facebook. After acing a written test and an interview, he was invited to join an oDesk team of about 50 people from all over the third world—Turkey, the Philippines, Mexico, India—working to moderate Facebook content. They work from home in 4-hour shifts and earn $1 per hour plus commissions (which, according to the job listing, should add up to a "target" rate of around $4 per hour).

In diesem Posting findet man auch das Dokument (wahrscheinlich inzwischen veraltet), die Löschvorgaben von Facebook, here we go:

oDeskStandards

In diesem Sinne, ich freu' mich, dass das Thema nun auch endlich im deutschen Web-Mainstream angekommen ist. Kauft Euch Webspace für 'nen 5er und fangt an zu bloggen, den Content könnt Ihr immer noch auf FB verkloppen und bestenfalls gibt's bei der Diskussion Schnittmengen.