WTF im Web: Nerdcore-Portrait im Tagesspiegel

Gestern hatte ich Sebastian vom Tagesspiegel zu Gast und wir haben uns eine Stunde lang über WTF, Gewaltdarstellungen im Netz, Grenzüberschreitungen und die Ästhetik dahinter unterhalten. Der Artikel ist bereits online und morgen in der Zeitung zu lesen, hier der NC-Teil:

Unter den deutschsprachigen Blogs, die sich der Verbreitung von Abseitig- und Abscheulichkeiten verschrieben haben, gilt die Seite nerdcore.de als oberste Instanz. Wenn etwas nicht auf Nerdcore stattfindet, ist es nicht WTF. 20 000 Besucher wollen dort jeden Tag die Fassung verlieren. Aktuell im Angebot: bunte Totenschädel, die sich mit Kreide bemalen lassen wie eine Schultafel. „Ideales Dings für die Küche“, steht unter dem Bild. Der Mann, der Nerdcore seit bald sieben Jahren betreibt, heißt René Walter und lebt in einer Altbauwohnung in Berlin-Kreuzberg. Seine Kommandozentrale kann man sich kaum nerdiger vorstellen: auf dem Schreibtisch drei Bildschirme, am Boden eine Armada geleerter Cola-Flaschen, Schwip Schwap auch, daneben Kisten voller Comics [vergessen hat er: eine UFO-Lampe, zwei R2D2-USB-Hubs, 4 Vinyl-Toys und vier externe 1 bzw. 2 Terabyte-Platten]. Die Zimmerpflanze hat welke Blätter, bloß das Fitness-Rad passt nicht recht ins Bild.

René Walter sagt, es sei Außenstehenden kaum zu vermitteln, worin der Reiz des Horrors besteht. Wenn er es trotzdem versuche, bekomme er Fragen gestellt wie diese: „René, was meinst du denn jetzt mit Wundästhetik?“

René Walter ist 37 und freiberuflicher Webdesigner, er behält ständig 500 Blogs im Auge, um zu entscheiden, was davon würdig für Nerdcore ist. Dabei nimmt drastisches Material nur einen geringen Teil seiner Berichterstattung ein. Denn genau darum gehe es ihm: die ganze Bandbreite menschlichen Handelns aufzuzeigen. Oder jedenfalls dessen Extrembereiche. Gewaltdarstellung ist Mittel, aber nicht Zweck. Eine sabbernde Mumie kann genauso What the fuck! sein wie ein kahlköpfiger Übergewichtiger, der im pinken Plüschhasenkostüm durch den Supermarkt läuft. Das US-Blog boingboing.net, Walters Vorbild, folgt einer strikten Strategie: An jede Made, die aus einem Ohr gezogen wird, schließt sich etwas Kuscheliges zum wieder Wohlfühlen an. Vielleicht ein regenbogenfarbenes Einhorn. Denn es gelte zwar, Grenzen auszutesten und sie bewusst zu überschreiten, das Zurückkehren gehöre aber auch dazu. Skulpturen aus Süßigkeiten, wissenschaftliche Studien, Politik, abgetrennter Kopf, dann wieder Kunst. Das ist Walters Mischung.

Ein gutes Beispiel ist die Maske aus Hühnerhaut. René Walter hat sie im Juni gepostet. Eklig, aber auch eine „einzigartige Geschichte“, sagt der Blogger. Er habe vorher und nachher nie wieder eine Maske aus Hühnerhaut gesehen. „Auf punktuelle Großartigkeiten hinzuweisen, das ist mein Ziel.“ Outstanding muss es sein, noch so ein Codewort für etwas bisher Ungesehenes, das nicht ungesehen bleiben darf. „Die Hühnerhaut-Maske war definitiv outstanding“, sagt Walter.

Es gibt Grenzen der Geschmacklosigkeit. Im Fall von Nerdcore sind sie rigide. René Walter zeigt nichts, bei dem Menschen tatsächlich zu Schaden kamen. Hinrichtungs- und Foltervideos, die es auch in den Untiefen des Internets gibt, sollten nicht frei verfügbar sein, sagt er. Da wird deutlich, wozu Schockinhalte nämlich auch dienen: der Selbstvergewisserung, dem Erkennen der eigenen Werte, die einen leiten.

Der Literaturwissenschaftler Dirck Linck hat einen klugen Aufsatz geschrieben über Motive, warum sich Menschen an drastischen Darstellungen erfreuen. Und kommt zu dem Schluss, dass Steigerung zwingend notwendig ist. „Nichts ist harmloser als der Schock von gestern.“ René Walter teilt das. Seine Konsequenz ist aber nicht, dass er umso drastischere Gewaltszenen zeigt. Sondern dass er sich anderen Bereichen zuwendet. Forschung zum Beispiel. Am Donnerstag hat René Walter Neuigkeiten von der Universität Peking gepostet: dass bald Gummibärchen produziert werden könnten, die menschliche DNA enthalten. Ganz fraglos WTF.

Geschmacksfragen im Web – Das Schockangebot (Bild: Mask made of Chicken Skin by Electra McCloskey)