Goulds St. Gentrifizian, Modern Martyr of Mayday

Gepostet vor 6 Jahren, 2 Monaten in #Design #Misc #Politics #Illustration #Poster #Protest

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Gould hat mir anläßlich des heutigen Arbeitertages seine Modern Saints-Plakatserie geschickt, heute vor allem wichtig: St. Gentrifizian, „Patron der Hausbesetzer und Autobrandstifter, für alles mögliche, gegen Yuppisierung und kalte Füße“. Derzeit beklebt Gould Berlin mit seinen Plakaten, ob er pünktlich zu den Demos damit fertig wird, weiß er selber noch nicht.

St. Gentrifizian ist der Patron der Hausbesetzer, Demonstranten und Vermummten, der Graffitisprüher, der Stadtsoziologen, aber auch der Fahrradfahrer und Fußgänger. Er wird als Kiezheiliger angerufen, um meist ärmere Stadtteile vor allzu großer Veränderung im Zuge sogenannter Aufwertung zu bewahren und die Sanierung oder den Abriss von Häusern und die Verdrängung der Bewohner des Bezirks durch zahlungskräftigeres Publikum zu verhindern. Er soll Alteingesessene vor Zugezogenen schützen, jene wiederum vor noch später Dazugezogenen und sie allesamt vor Touristen. Aber auch Besitzer von Immobilien und Automobilen bitten ihn um gnädigen Beistand. Außerdem hilft St. Gentrifizian ganz allgemein gegen Brandwunden und kalte Füße. Sein Gedenktag wird am 1. Mai gefeiert, und er gehört wie z.B. auch St. Laurentius und Johanna von Orléans zu den Röst-Märtyrern.

Hier mehr zum Konzept hinter der Plakatserie, hier Fotos vom Print-Prozess. Hier noch der Link zur alten Website zum Projekt mit Links zu Komplettansichten aller Modern Saints in der linken Sidebar, die Infos dort sind leider unvollständig. Weitere Bilder und Infos nach dem Klick.

St. Gentrifizian ist der Patron der Hausbesetzer, Demonstranten und Vermummten, der Graffitisprüher, der Stadtsoziologen, aber auch der Fahrradfahrer und Fußgänger. Er wird als Kiezheiliger angerufen, um meist ärmere Stadtteile vor allzu großer Veränderung im Zuge sogenannter Aufwertung zu bewahren und die Sanierung oder den Abriss von Häusern und die Verdrängung der Bewohner des Bezirks durch zahlungskräftigeres Publikum zu verhindern. Er soll Alteingesessene vor Zugezogenen schützen, jene wiederum vor noch später Dazugezogenen und sie allesamt vor Touristen. Aber auch Besitzer von Immobilien und Automobilen bitten ihn um gnädigen Beistand. Außerdem hilft St. Gentrifizian ganz allgemein gegen Brandwunden und kalte Füße. Sein Gedenktag wird am 1. Mai gefeiert, und er gehört wie z.B. auch St. Laurentius und Johanna von Orléans zu den Röst-Märtyrern.

In Deutschland wird er besonders im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg und im Hamburger Schanzenviertel verehrt. Doch auch weltweit erfreut er sich wachsender Beliebtheit. Großen Zuspruch hat ihm vor allem die starke und international verständliche Pose eingebracht, mit der er meistens dargestellt wird, nämlich auf einem umgeworfenen Auto stehend.
Der Legende nach hat St. Gentrifizian bei einer der rituellen Kreuzberger Straßenschlachten ein Auto angezündet. Als er dann triumphierend auf den Wagen gestiegen ist wie Erzengel Michael auf den Teufel, soll er tragischerweise bei lebendigem Leibe verbrannt sein. Daß diese Geschichte von der Polizei bis heute dementiert wird, hat seiner Verehrung keinen Abbruch getan; Ebensowenig wie die Gerüchte, daß St. Gentrifizian einen Golfschläger bei sich getragen haben soll, er also womöglich eher aus dem Hausbesitzer- statt aus dem Hausbesetzer-Milieu gestammt habe und die Krawalle zu seinen Gunsten eskalieren lassen wollte. So etwas wird von seiner Anhängerschaft als kapitalistische Blasphemie verurteilt. Vielmehr habe der Heilige den Klassenfeind im Kampf mit dessen eigenen Insignien verhöhnen wollen.

St. Gentrifizian gilt als der erste 1. Mai Märtyrer und immer mehr heranwachsenden Großstädtern als Vorbild. Das Umwerfen und/oder Anzünden von Autos hat sich zu einer beliebten Ausdrucksform von tiefer Frömmigkeit entwickelt, und die Staatsmacht versucht bislang vergeblich diesen Brauch zu unterbinden.
Da aber gerade auch die zugezogenen Anhänger des St. Gentrifizian immer wieder mal Besuch von der Familie bekommen, und diese irgendwo ihren Wagen parken müssen, ergibt sich bei den Gläubigen ein immenser Interessenkonflikt. Dieser spiegelt sich anschaulich im folgenden Gebetsspruch wider:

Oh Heiliger Gentrifizian, verschon unser Auto, zünd‘ andere an!

Konzept

Diese Plakatserie zum Thema „Moderne Heilige“ besteht aus 10 Heiligen, die als Gruppe den ehemals sehr beliebten, volksnahen Vierzehn Nothelfern ähnelt, die aber als Einzelfiguren frei erfunden sind, was sich auch in der Wahl des fiktiven Heiligen St. Nimmerlein als Projekttitel widerspiegelt.

Die einzelnen Plakate haben jeweils ein gesellschaftlich relevantes Thema/Problemfeld zum Gegenstand. Die inhaltliche Auseinandersetzung findet in zumeist ambivalenter Weise statt, nicht zuletzt auch deshalb, weil Themen wie Globalisierung, Gentrifizierung, Klimawandel und Finanzkrise in ihrer Komplexität keine einfachen Standpunkte zulassen.

Christliche Heilige haben in unserer Gesellschaft stark an Bedeutung eingebüßt, und viele ihrer ehemals gebündelten Funktionen (Vorbildhaftigkeit, Hilfe, Schutz, Trost, …) haben sich inzwischen womöglich auf Versicherungen, Ärzte, Politiker, Popidole und andere Institutionen/Personen, um nicht zu sagen Ersatzheilige, verteilt (Mahatma Gandhi, Simone de Beauvoir, Martin Luther King, Madonna, Barack Obama, Steve Jobs, …). Trotzdem sind sie immer noch in der Kultur verankert, z. B. im Kalender: Man denke nur an die Wettersprüche zum Siebenschläfertag oder die beliebten Bräuche, Nikolaus und Silvester zu feiern.

Die Aufladung mit Bedeutung – an der christlichen Bilderwelt angelehnt – ist wunderbar geeignet, um in der Plakatserie „Sankt Nimmerlein“ gesellschaftliche Themen in Angriff zu nehmen. Die Ausgangsfrage ist folgende: Für welche aktuell drängenden Probleme könnte es (im übertragenen Sinne) neue Heilige brauchen?

Insgesamt war es die Zielsetzung, ernsthaft und pointiert genug zu arbeiten, um sich nicht dem Vorwurf auszusetzen, all zu leichtfertig mit christlicher Tradition und ernsten Problemen umzugehen. Gleichzeitig war es bei der Umsetzung aber auch wichtig, humorvoll und vieldeutig genug zu sein, um sich nicht in Klischees oder zu naiver Weltverbesserei zu verlieren.

Die Reihe besteht bislang aus zehn überlebensgroßen Plakatfiguren, die zum Teil schon als Siebdrucke realisiert sind. Als Schrift wurde die „Albula“ von Sarah Parsons verwendet.

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