Georg Seeßlen: George A. Romero und seine Filme

Ich lese bereits etwas länger an Seeßlens „George A. Romero und seine Filme“, bin über Ostern (fast) fertiggeworden und kann das Buch nur jedem wirklich ans Herz legen, der sich nicht nur für die tiefgründigere Variante der Untoten interessiert, sondern auch für ihre kulturhistorischen Wurzeln und die des sogenannten Modernen Horrorfilms.

Seeßlen analysiert zunächst eine Art Historie des Grauens und stellt es ganz korrekt in eine Reihe mit antiker und christlicher Mythologie und der volkstümlichen Variante davon – den Märchen –, nur um dann ganz genau darzustellen, warum Zombies im Speziellen und Moderner Horrorfilm im Allgemeinen, letzteres immerhin praktisch eine Erfindung von George Romero (zusammen mit Herschell Gordon Lewis, der explizit genannt wird), hier einen radikalen Schnitt bedeuten, was der Figur des Zombies in der Geschichte der Mythologie tatsächlich eine immense Bedeutung einräumt. Die Argumentation von Seeßlen ist ganz klar: War das „Böse“ oder auch das „Grauen“ noch bis in die Sechziger hinein immer Bestandteil einer anderen Welt (auch noch bei H.G. Lewis, behauptet Seeßlen, was ich nicht unterschreiben würde), eines eskapistischen Kinos, eben ganz in der Tradition als „Erklärungsversuch“ außerweltlicher Dinge, brachte Romero das Grauen als erster mitten hinein in unsere Realität und die Monster und Dämonen bewegten sich auf einmal in unseren Städten und Häuser und sahen so aus, wie wir, nur in tot.

Auch betont er in dieser Einführung des Buchs den ausgeprägten Minimalismus der Figur Zombie, der die vergangenen mythischen Wesen jeglichen Schnickschnacks beraubte und lediglich eine Antithese zu uns in die Welt brachte. Wo noch Dracula aus der Geschichte stammt, Frankenstein ein Kunstwesen war wie auch der Golem, der gotische Horrorfilm von Roger Corman eine Flucht aus der Realität bot, kickte Romero das Monster in unsere Nachbarschaft und hatte mit dieser Figur, die letztlich wir selbst waren und die aus unserer eigenen, derzeitigen Gesellschaft entstammt, eine leere Metapher geschaffen, die er mit Themen „auffüllen“ konnte. Exakt meine Lesart des Monstertypus „Zombie“, weshalb mir das Buch an dieser Stelle nicht viel Neues erzählt, aber es ist spannend, von Seeßlen aus der kulturhistorischen Perspektive nochmal neue Argumente an die Hand zu bekommen.

Nach dieser ziemlich grandiosen Herleitung geht es vor allem um die Rolle des Modernen Horrorfilms als Spiegel der Historie vor allem Amerikas ab den 60s. Diese Argumente sind alle bekannt, ausgehend von Vietnamkrieg und dem Urknall „Night of the living Dead“ war Moderner Horrorfilm immer der Spiegel von Krisen, das gilt seit dem bis heute und insbesondere interessant ist hier vor allem, dass Moderner Horror trotz aller Aussagskraft niemals wirklich im Mainstream ankam, wobei der klassische (also eskapistische, außerweltliche) Horrorfilm in den letzten Jahren ausgerechnet in Form der reaktionären, in ihrer Form unheimlich spießigen und vor allem extrem prüden Twilight-Filme im Mainstream stattfand. Praktisch das genaue Gegenteil des Modernen Horror Romeroscher Schule, dessen erfolgreichsten neuzeitlichen Kinder der Nacht mit „Saw“ und anderem Torture Porn wohl erfolgreich, aber nie Mainstream war.

In den nächsten Kapiteln analysiert Seeßlen jeden einzelnen Romero-Film, auch die Nicht-Genrefilme aus seiner Anfangszeit, und gibt hier natürlich den wichtigsten Filmen (Night, Dawn, Day, Land, Diary, Martin und Crazies) am meisten Raum, behandelt schließlich die Geschichte der Figur des Zombies von ihren Anfängen als willenlos gemachter Sklave im Voodoo bis hin zu ihrer Funktion als Gefäß für Metaphern bei Romero und schließt mit psychoanalytischen Bedeutungen von Körperdestruktion und dem, was Freud als Gegenteil von Libido mit „Todeslust“ bezeichnete.

Das Buch ist für Horrorfans ein absolutes Must-Have, für Zombies wie mich ist es gradezu essentiell. Fans von Genrefilmen sollten es wirklich gelesen haben und (allgemeinere) Cineasten eigentlich auch. Mit anderen Worten: Seeßlen in Hochform und man merkt ihm den Romero-Fanboy, der er ist, wirklich an.

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