Bombaytastic: Indias Vehicle-Typography

Fabian ist Gestalter auf Weltreise, Gastautor und bloggt normalerweise auf Stories of a Journeyman über seine Erlebnisse als Designer auf der Walz, hier die Fotos von seiner Reise.

Hätte man mich vor meiner ersten Indienreise gefragt: "Was sind die 3 Dinge, die Du am ehesten mit Indien verbindest?", wären das Kühe, Oberlippenbärte und seitliches Kopfnicken gewesen. Würde man mich heute fragen, ich gäbe die selben 3 Dinge an mit einer Erweiterung von mindestens 500 anderen Eigenschaften die es im speziellen so nur im verrücktesten aller Länder gibt.

Eines dieser weiteren Phänomene ist die Farben- und Formenpracht mit der Inder ihr Leben versuchen bunter zu gestalten. Da Farbenpracht im Generellen nun keine wirkliche Besonderheit darstellt und die Betonung speziell auf dem Versuch der farblichen Gestaltung liegt, bekommt das indische Spektakel erst seinen außergewöhnlichen Reiz durch die Millimeter dicken Staubschichten, die sich puderzuckerartig über das Land verstreuen, durch großflächige Rostüberzüge auf allem was korrosionswillig ist, Dellen, Beulen, Kratzer und Krater. Es scheint fast so, als ob Indien seit jeher praktiziert, was im Grafikerjargon gerne als "Grunge" bezeichnet wird, nur eben ohne selbst Hand anzulegen.


Handgemaltes Autorikschakennzeichen

Um die Authentizität zu vervollkommnen spielt eine sozialpolitische Tatsache eine gewichtige Rolle. Indien beherbergt die zweitgrößte Bevölkerung der Welt, davon nicht nur eine Hand voll unterhalb der oft zitierten Armutsgrenze lebend und somit entstehen Jobs die in unseren Graden nicht nur niemand machen wollen würde, diese Jobs wären schlichtweg unsinnig aufgrund unseres technologisierten Verständnisse von Arbeit. Wer würde hierzulande schon seit Auto mit Handarbeiten verzieren lassen - den Kostenfaktor von Handarbeit gar nicht erst angesprochen ( jaaaa, lassen wir mal die Airbrush-Geeks außer Acht ). Diejenigen, die es nicht lassen können einen flotten ( Scheiß- ) Spruch dem zu dicht Auffahrenden auf der Heckscheibe zu präsentieren oder die Webadresse des eigenen Kleinunternehmens, geben dies meist bei günstigen Transfer-Sticker Produzenten via internet in Auftrag. Viel weiter dürfte man schon per Gesetzeslage nicht gehen.

Der Unterschied zwischen indischem und deutschem Dekorwahn wird am deutlichsten bei zwei Automobiltypen, die es wohl in jedem Land, weltweit, geben sollte - Taxis und LKW.
Während einem bei kreativer Individualgestaltung deutscher LKW die typischen Namensplaketten von Günther, Horst oder im Höchstfall Horst & Gerda in den Sinn geraten, bei außerordentlich kreativen Geistern vielleicht noch eine bunte Lichterkette durch die Führerkabine gespannt wurde, kennt der indische Asphaltnomade keine Grenze in Sachen persönlicher Note. Schrauben, Seile, hinduistische Zeichen und Götzenbilder, sowie allerlei Fundstücke die dem Durchschnittsprodukt eines mittelmäßigen deutschen Flohmarkts ähneln. Was an Material fehlt, wird mit Malerei wettgemacht, Leere Flächen sind verpönt - wiederkehrende Motive sind Adler, indische Nationalflaggenvariationen, sowie das sehr beliebte Swastika, an das man sich, auch wenn in seiner Ursprungsform nur ein gespiegeltes Hakenkreuz, in seinem gewaltigen Aufkommen nie so richtig gewöhnt.



Wer kein Motorbetriebenes Fahrzeug hat gestaltet seine Kuh ( oben links ). Eines von vielen Swastikavarationen ( oben rechts ). Privateigner eines Lorry ( links unten ) gestalten diese nach dem Motto "Alles was geht, geht!". Firmeneigene Lorry ( rechts unten ), fast ausschließlich von TATA produziert, liegen wohl soetwas wie einer Gestaltungsvorlage zu Grunde.

Auch der absolute Antichrist deutscher Corporate Designer lässt sich häufig finden - Firmenlogos der Lorry-Eigner handgemalt, ohne Schablone und auch ohne großen Willen Laufweite und sonstige Fontmerkmale bei Schriftzügen einzuhalten. Sehr beliebt ist es auch Logos und Wahrzeichen renommierter Fahrzeughersteller in abgewandelter Form in das Gesamtkunstwerk miteinfließen zu lassen. an erster Stelle der beliebtesten Marken dürfte hier Mercedes und Ferrari stehen. Abgerundet wird die Fahrende Skulptur meist mit, wer hätt's gedacht, Schriftzugen aus religiösen Weisheiten oder Englischen Selbstbetitelungen wie "Road-King" oder "Knight-Rider".


Original und nachgemaltes Mahindra Logo auf der Rückseite eines Lorry

Bei den landestypischen Taxivarianten, den Autorikschas, verhält es sich ähnlich und doch anders. Farbe und Form sind standartisiert und so haben sich über die Jahre hinweg Künstler/Handwerker etabliert, welche Folienschnitte mit einem Cutter direkt auf dem Fahrzeug anfertigen. Wie genau das von statten geht, hat der Creative Review vor einiger Zeit filmisch festgehalten, um eines der beliebten, in Handarbeit gestalteten Magazincover in seiner Entstehung zu dokumentieren. Das Ergebnis ist wie man es sich vorstellt - Pure awesomeness!

Ein paar weitere Zeugnisse von der Liebe des Lorrybesitzers zum Detail:


Seile, Schrauben und Figuren. Verzierungen eines Privat-Lorry


Bremsleuchten eines Privat-Lorry


Autorikschafahrer in Bangalore

Alle Lorry-Fotos wurden aufgenommen in Bangalore wohingegen das Video aus Mumbai stammt. Die Art und Weise der Gestaltung ändert sich mit der Region in der man sich befindet.

Vorher auf Nerdcore:
Indiens Holi Festival der Farben 2010
Bilder von Indiens Holi Festival der Farben