Von der Kunst des eloquenten Scheißefindens in den Nerdcore-Comments

Es gibt ein paar ganz einfach Regeln, wie man etwas auf Nerdcore in den Comments so richtig eloquent Scheißefindet.

1.) Man rede den Autoren des Blogs niemals bei seinem Namen an, der unter jedem Posting aufgeführt ist und der den Leuten, die hier mehr als zwei Tage mitlesen, bekannt sein sollte. Es bietet sich zunächst einmal das allseits beliebte „Blogschreiberling“ an, das ist in einem Wort herablassend, herabwürdigend und auf zynische Art und Weise verniedlichend zugleich. Ideal für die Zwecke des eloquenten Scheißefindens. Nicht sehr beliebt weil zu neutral und unwertend sind die Termini Autor, Blogger oder Schreiber. Allen gemeinsam ist ein vorangestelltes „@“ oder „An den“.

2.) Ein Item ungeklärter Herkunft ist grundsätzlich ein Fake. Dazu gilt es, in einem jahrelangen Training in den unendlichen Weiten des Cyberspace jeglichen Sinn für Magie, Zauber und solchen Mumpitz abstumpfen zu lassen, bis aus ihm nichts weiter als ein verkolter, leise vor sich hinpfeifender (pffffrrüüüiiiittthhh) Stumpen geworden ist, der dem verwöhnten Zyniker nicht weiter im Wege steht. Formuliert wird diese Geisteshaltung mit einem knappen „Fake“. Eine verwandte Form des „Fake“ ist das „Aaaalt“, wobei hier allerdings meistens kein Scheißefinden formuliert, sondern das Verfallsdatum des Postings angezweifelt wird.

3.) Dinge, die man nicht versteht, sind per se scheiße. Das ist das oberste Gebot beim eloquenten Scheißefinden in den Nerdcore-Comments. Dabei ist es egal, ob es sich um einen Witz, eine wissenschaftliche Meldung oder eine Gedankenwendung des (siehe oben) Blogschreiberlings, Autoren, Bloggers oder Schreibers handelt.

Zur Formulierung des Nichtverstehens hat der Kommentator zwei Optionen:

3a.) Er formuliert es als Nichtverstehen, also mit „Versteh' ich nich“, was immer die Gefahr beinhaltet, von anderen als außerhalb eines „wissenden“ Geheimbundes wahrgenommen zu werden. Dazu ergaben Untersuchungen eine überproportionale Abnahme der Formulierung „Versteh' ich nich“, wenn in den Postings die Formel „For those who know“ gebraucht wurde. Der Nichtverstehende erkennt in diesem Fall, dass es sich bei diesem Item um einen Code handelt, der nicht für ihn bestimmt ist. In diesem Fall bleibt dem Nichtversteher die Option:

3b.) Er formuliert das Nichtverstehen verklausuliert als Scheißefinden, ohne Gefahr laufen zu müssen, als Unwissender dazustehen. Eine äußerst geschickte Anwendung des eloquenten Scheißefindens in den Nerdcore-Comments.

4.) Die vielleicht eloquenteste Form des Scheißefindens in den Nerdcore-Comments ist dann aber die umgekehrte Variante der Nummer Drei: Der Kommentator wähnt sich selbst als Teil eines Geheimbundes, der einen bestimmten Code versteht, der im Posting selbst aber keine Berücksichtigung findet. Diese Option eröffnet dem Scheißefinder Tür und Tor, er scheint in einer Position der Macht und kann scheinbar ohne jegliche Gefahr des Gesichtsverlust alles scheiße finden, was über ihm geschrieben steht oder zu sehen ist.

Typisch für diese Form des Scheißefindens ist das Urteil. Der Kommentator beurteilt etwas anhand der von ihm zur Allgemeingültigkeit erklärten Kriterien und bestimmt anhand derer den Wert des geposteten Items. Selbstverständlich erfüllt kein einziges gepostetes Item diese Kriterien und fällt damit durch, was dem Selbstwertgefühl des Scheißefinders ungemein zuträglich ist, da er sich mit einem simplen Kommentar nicht nur zum Herren über das Posting aufschwingt, sondern zugleich zum Herren über das ganze Genre, dem das Posting angehört.

Zur Tarnung wird diesen Urteilen meistens ein „Sorry“ vorangestellt, ganz oft gefolgt von „aber der Blogschreiberling (siehe oben) hat keine Ahnung“. Zu finden sind solche Kommentare häufig in Postings über Musik, Kunst oder Design, ihr Markenzeichen ist immer die Auswahl unangebrachter Kriterien, etwa das Kriterium „LULZ“ bei Postings über Kunstgeschichte oder umgekehrt das Kriterium „Unheimlich vielschichtige Kunst“ bei einem Posting mit Mashup-Illustrationen, die Boba Fett mit einem Butterfinger im Arsch zeigen. Hier eröffnet sich ein weites, fruchtbares Feld für den findigen Scheißefinder und es obliegt nur seiner Kreativität, hier das letzte bisschen aus dieser Disziplin des gemäßigten Trollings herauszuholen.

5.) Diese Liste ist umfassend wie die allwissende Müllhalde und gibt jeglichen Aspekt des eloquenten Scheißefindens in den Nerdcore-Comments wieder. Sie ist nicht nur gültig für Verfasser von Kommentaren, sondern ebenso für Verfasser von Blogpostings. Ich selbst halte mich an jeden einzelnen Punkt dieser Liste.

Und im Ernst: Es ist unendlich viel schwerer, etwas gut zu finden, statt etwas scheiße zu finden. Es gelten nach wie vor die alten, wundervollen, lebensverlängernden Nerdcore-Kommentar-Regeln, am wichtigsten beim Kommentieren ist immer noch der Grundsatz „Be excellent to each other“ und an dieser Stelle nochmal dieses ganz wunderbare Video (das man aber garantiert aus mindestens einem der oben genannten Gründen scheiße finden kann… und wenn es nur „aaaalt“ ist.)


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