Comic: Whatever happened to the World of Tomorrow

Ich habe grade (krank im Bett) Brian Fies' „Whatever happened to the World of Tomorrow“ fertiggelesen und whoa, was für ein grandioses Comic. (Ich weiß, dass ich das fast bei allen Comics schreibe, die ich hier reviewe, was aber alleine daran liegt, dass ich den mittelmäßigen Kram hier einfach nicht erwähne und da bleiben nur noch Comics, die mit „whoa, was für ein grandioses Comic“ eben am treffendsten beschrieben sind.)

„Whatever happened to the World of Tomorrow“ spinnt seine Geschichte um einen Vater und seinen Sohn von der Weltausstellung in New York von 1939 bis zur letzten bemannten Mission zum Mond, Apollo 17, im Jahr 1975 und erzählt seine Story in Kapiteln von jeweils 10 Jahren. Die Geschichte ist eine Geschichte voller Retrofuturismus, voll vom nostalgischen Blick auf die Visionen von damals, voller Rockets und Spaceships und gleichzeitig erzählt sie vor allem von der Beziehung des Sohns zum Vater, von der leise eintretenden Abnabelung von ihm bis sich die beiden wegen ihrer unterschiedlichen Ansichten zu Vietnam und der Bürgerrechtsbewegung beinahe entzweihen. Was ihnen bleibt, ist die Liebe zum Futurismus, für die Raumfahrt, für Space.

Die Zehn-Jahres-Schritte sind dabei ideal für die Erzählung, denn meistens erzählt der Sohn mit einer Stimme aus dem Off, mal von seinen Missverständnissen mit dem Vater, mal wissenschaftliche Abhandlungen über Rocketscience. Und immer, wenn er im Verlauf der Handlung ein Comic der fiktiven Heftreihe „Space Age Adventures“ in die Hand nimmt, beginnt ein Comic im Comic, wunderbar eingewoben als quasi richtige Hefte, gedruckt auf anderem, grobfaserigen, gelblichen Papier inklusive absichtlicher Druckfehler, falschen und groberen Rasterungen, um die Drucktechnik der 50er zu simulieren.

Drei dieser vier Comics sind vollständig inklusive Cover, Rückblatt und Anzeigen. Nur eins bricht inmitten der Handlung ab… weil die beiden von einem Trip nach Florida (wo sie, natürlich, den Start der Gemini 4-Mission von Cape Canaveral anschauten) zurückgekommen sind und das Comic nun weggepackt werden muss, die Comics im Comic folgen also ganz konsequent der Handlung. Und ihr fieser Übergegner mutiert in einer Ausgabe zu niemand anderes als Galactus, den Weltenverschlinger aus den fantastischen Vier. Fan-ta-tisch!

Ab 1975 entwickelt das Buch den schon erwähnten bittersüßen Ton: Das Apolloprogramm wurde gestrichen, es gibt immer noch keine fliegenden Autos und Jetpacks… die Welt der Zukunft, die die 50er versprachen, ist nie Wirklichkeit geworden. Es folgen Zukunftsaussichten der realistischeren Art: Nanotechnologie, Computer… doch einen wirklichen Ersatz für big Spaceships und Stationen auf dem Mond sind die natürlich nicht, und so würde das Comic beinahe etwas zynisch enden, doch dann – aber ich will hier nicht spoilern und sage nur: Echte Retrofuturisten denken immer BIG.

Ein fantastisches Comic mit so dermaßen vielen wundervollen Momenten und Details, wie den eingestreuten echten Bildern der Weltausstellung mit Vater und Sohn reingeshopt, oder als sich Sohnemann im Kino einen SciFi-Film ansieht und auf dem Screen sieht man das Raumschiff von Flash Gordon aus der alten Serie mit Buster Crabbe. Oder die eingestreuten retrofuturistischen Illustrationen von Chesley Bonestell. Oder die Bilder der Nasa vom ersten Weltraumspaziergang von Gemini 4, auf die diese wunderbare Geschichte folgt, die sich wirklich so zugetragen hatte:

Als Edward Higgins White als erster amerikanischer Astronaut einen Space Walk macht, weigert er sich, zurück in die Kapsel zu kommen und führte ein paar Sekunden eine Revolution in Space auf, bevor er natürlich klein beigab. Das Buch kommentiert das so:

White always claimed that those seconds of Rebellion and Regret meant nothing. Just lighthearted Banter between two high-spirited Flyboys. Maybe. But it was also more. It was a rare glimpse of humanity in a program built on precision and discipline. For just an instant, te impassive Facade liftet.

It also meant that Heinz Haber and Wernher von Braun were wrong. People could not only survive in space, they could work and laugh and thrive. Ed White discovered that the overwhelming emotion evoked by free-falling around the planet at seventeen thousand miles per hour wasn't terror. It was joy.

Ich glaube, an der Stelle ist es mir zum ersten mal beim Lesen eines Comics kalt den Rücken runtergelaufen, wahnsinn! Ein absolut fantastisches Comic, das anhand der realen Geschichte die fiktive Geschichte eines Vaters und seines Sohnes erzählt, dabei psychologische Untertöne nicht vergisst und die realen Vorgänge subtil und wunderbar einbindet. Wenn Ihr was mit Space Age, Retrofuturismus und Raumfahrt anfangen könnt (und welcher Nerdcore-Leser kann das nicht!): Unbedingt kaufen, bestes Comic dieses Jahr bisher.

Amazon-Partnerlink: Whatever Happened to the World of Tomorrow

Hier ein Blogposting zu Chesley Bonestell, hier mein Blogpost über Elektro, den rauchenden, goldenen Roboter von der World Expo in New York 1935, der auch im Comic vorkommt und überhaupt: Retrofuturismus auf NC, kommt nahezu alles im Comic vor, sogar Disneys Retrofuture-Sendungen.

Dude, where is my Jetpack? On the fucking Moon!