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Michael Crichtons Buch „Electronic Life“ von 1983 und der Abschnitt über Copyright

Gepostet vor 7 Jahren, 3 Monaten in BON Books Copyright DigitalAge Vintage

Ich habe mir vor ein paar Tagen das Buch „Electronic Life“ von Michael Crichton für 'nen Euro in einem Second Hand-Laden gekauft. Darin einige goldige Absätze über Retrotech und zwei Seiten, bei denen meine Augen groß wie Untertassen wurden: Zwei Seiten voller Aussagen über das Urheberrecht im digitalen (Crichton nannte es damals noch: „im elektronischen“) Zeitalter. Praktisch alles, was ich hier nun seit vier Jahren predige: Digitalisierung führt zu einer Neudefinition des Begriffs „Geistiges Eigentum“ und diese Neudefinition, die sich zuerst technisch, dann gesellschaftlich und irgendwann auch einmal juristisch manifestiert, ist vom bisherigen Urheberricht nicht geregelt bzw. kann so nicht geregelt werden.

Diesen Text in einem Buch von vor über einem Viertel Jahrhuntert zu lesen, das lässt mein Mitleid für die Musik- und Film-Industrie nicht grade anwachsen. Denn entgegen aller Vorurteile denke ich nicht, dass dort dumme Menschen arbeiten. Die Entscheider wussten schon vor 25 Jahren ganz genau, was ihnen blüht. Und wenn sie es nicht wussten, so haben sie es mindestens geahnt. Alles, was ihnen einfiel, sind lustige Sprüche wie „Hometaping is killing Music“ und so sind sie mit Scheuklappen und fucking Lizenzverwertungsmodellen aus den 50ern ins digitale Zeitalter gerannt.

Anyway, hier Michael Crichtons Text über das Copyright aus seinem Buch „Electronic Life“ von 1983.

Das Copyright umfasst zwei Aspekte. Der erste betrifft die Bezahlung für die Verbreitung, der zweite den Schutz gegen die Verbreitung konkurrierender, im Grunde identischer Produkte. Nur dieser zweite Aspekt wird weiterhin einer sinnvollen juristischen Regelung zugänglich sein.

Das Honorieren der Verbreitung muss eine neue Form finden. Angesichts der Tatsache, dass es schon ausgedehnte Netze zur Übertragung elektronischer Informationen gibt – Radiosender, Kabelfernsehstationen und Computernetze –, müssen wir zu einem neuen Begriff von Verbreitung gelangen. Die alten Vorstellungen unterstellen einen begrenzten Zeitraum der Verbreitung und damit eine Lebensspanne für die Information. Beispielsweise konnte ein Film in inländischen Kinos gezeigt werden, dann im Ausland, dann in Flugzeugen und schließlich im Fernsehen. Das Ganze dauerte im Durchschnitt etwa fünf Jahre.

Heute ist eine außerordentlich rasche Verbreitung möglich. Sobald die Information in irgendeiner Form an die Öffentlichkeit gelangt, folgt unvermeidlich die Vervielfältigung. An dem Tag, als „E.T.“ in den amerikanischen Kinos Premiere hatte, wurden bereits unerlaubt angefertigte Videokassetten des Films verkauft; in England waren sie bereits sechs Monate vor dem Vorführungsbeginn im Umlauf, und die Einnahmen an den Kinokassen gingen entsprechend zurück. Es gibt nur eine Lösung: Wir müssen die sofortige allgemeine Verbreitung als eine Tatsache des Elektronikzeitalters anerkennen. Die Schöpfer eines Films, einer Komposition oder eines Computerprogramms werden bald nur noch zwei Existenzphasen ihres Werkes unterscheiden können: absolutes privates Eigentum während der Entwicklung und totales öffentliches Eigentum vom Augenblik der Freigabe an. Die Grenzlinie wird sehr scharf gezogen sein und der Verfasser sein gesamtes Honorar erhalten, sobald er sie überschreitet. Einige Folgen dieser neuen Regelung sollten ausdrücklich festgehalten werden.

Erstens muss es möglichst viele konkurrierende Verbreitungsnetze geben, um Monopole zu verhindern.

Zweitens: Die Leute werden weiterhin ins Kino, ins Konzert und ins Theater gehen, aber sie werden für die Wiedergabe der Information bezahlen, nicht für die Information selbst.

Drittens: Totales öffentliches Eigentum wird nicht dem Bereich entsprechen, der heute durch Copyright oder Patente als nicht geschützt gilt. Die Autoren eines Computerprogramms oder eines Films werden sich bestimmte Rechte auf ihr Werk vorbehalten, vor allem das Recht zu Ergänzungen oder Fortsetzungen. Die genaue Definition dieser Rechte wird in den nächsten Jahren Thema gerichtlicher Auseinandersetzungen sein; die Debatten haben schon begonnen.

Es ist keineswegs klar, wie diese Rechtsfragen einmal entschieden werden. Unausweichlich erscheint aber, dass unsere Vorstellung von Eigentumsrecht und Vervielfältigung von Informationen in den kommenden Jahren drastisch revidiert werden müssen

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