Old Farts speaking the Truth

Kinners, ich muss mich grade mal ein bisschen aufregen. Also, nicht richtig dolle, aber mir begegnet jetzt bereits zum zweiten mal ein komischen Phänomen. Es geht um folgendes:

Vor ein paar Wochen begegnete mir diese Story von diesem ehemaligen Boss eines Major-Labels, der nachdem er in Rente gegangen war, sinngemäß sage, dieser ganze Kampf gegen Internet-Piraterie sei ja sowieso völlig umsonst und bereits jetzt verloren, weshalb die Labels ihre Strategie ändern sollten und lieber zusammen mit ISPs und Politik einen Weg zur Monetarisierung suchen sollten. Genau das, was ich auch immer sage, sagt der ehemalige Boss eines Labels, nachdem er nichts mehr entscheiden kann/muss.

Und dann las ich bei Boing Boing etwas ganz ähnliches, nämlich das Bekenntnis eines ehemaligen MI5 Chefs, dieser ganze Krieg gegen den Terror würde Terrorismus fördern und Bürgerrechte einschränken. Genau das was jeder vernunftbegabte Mensch sagt, äußert der erst, nachdem er nichts mehr entscheiden kann/muss.

Was zum Geier ist los mit diesen Leuten? (Im Englischen hätte ich jetzt übrigens geschrieben: „What the fuck is it with these people?“ Was viel knackiger geklungen hätte. Das aber nur am Rande.)

Ich habe ja diese bescheuerte Idee, dass man jemanden in ein Amt wählt, ihm einen Job gibt, weil er eine bestimmte Haltung, eine Attitüde hat, ein bestimmtes Auftreten... eben weil dieser Mensch derjenige ist, der er ist. Wenn nun reihenweise Old Farts erst dann ihre Meinung, ihre Haltung zum Ausdruck bringen, nachdem sie aus ihrem Job raus sind, dann läuft doch irgendetwas sehr, sehr schief, oder?

Ich kriege ja auch immer Pickel, wenn ich irgendwelche Politiker davon schwafeln höre, die allerallererste Aufgabe von Unternehmen sei es, Geld zu machen. Fucking profitabel zu sein. Fitter, happier, more productive. Und ich dachte immer, die alleroberste Aufgabe von Unternehmen sei es, gute Produkte herzustellen! Das mag auf den ersten Blick nichts mit den zwei Beispielen von Old Fart speaking the Truth zu tun haben. Auf den zweiten aber schon.

Denn: Beides sind Fehler im System. Das kommt dabei heraus, wenn Politik (nicht die Politik, sondern die andere) in guten Ideen Einzug hält. Wir gründen eine Firma, denn wir haben ein tolles Produkt, das Produkt schlägt ein und es kommt die Politik: Wir müssen Geld machen, um Konkurrenten platt zu machen und um mehr und mehr zu wachsen. Oder: Ich will Karriere, also mache ich einen Job, ich werde besser und besser und lande irgendwann ganz oben, dann kommt die Politik, ich denke strategisch für meine Karriere, also entscheide ich nicht mehr am vernünftigsten für das Unternehmen, sondern für meine Karriere. Und das heisst eben: Ich entscheide so, wie es die Anwälte und Marketingfuzzis von mir erwarten. Und dann nicke ich eben auch Piratenverklagerei und den Krieg gegen den Terror ab, auch wenn ich ganz genau weiß, dass es falsch ist.

Ich habe schonmal vor Jahren geschrieben, dass Fehler in der Politik nicht deshalb gemacht werden, weil das System beknackt ist. Sondern weil die Leute beknackt sind, die im System agieren. Das System ist in Ordnung, es erfordert nur leider Menschen mit Eiern in der Hose (in diese Formulierung schließe ich übrigens Frauen explizit mit ein), die es bedienen. Und nicht heuchlerische Arschlöcher ohne Mumm, wie die beiden da oben.