Mein Boxer (29.7.39 – 1.2.2009)

Gepostet vor 7 Jahren, 5 Monaten in Misc

theboxer

Gestern morgen ist mein Vater gestorben.

Um diesen Satz zu begreifen brauchte ich mehrere Stunden, vielleicht Tage, wahrscheinlich Wochen, am Ende: Jahre.

Die erste Phase beginnt mit dem Anruf von zuhause: „Vater ist tot“. Nach diesen drei Worten sitzt man erstmal zwanzig bis dreißig Minuten bewegungslos da und starrt irgendwohin. Bei mir lief die stummgeschaltete Übertragung irgendeiner Ski-WM. Es heizten sich Ski-WM-Professionals den Hang herunter, alles ohne Sound, während ich auf den Screen starrte und versuchte, meine Gedanken zu ordnen. Gedanken, die nicht zu ordnen sind.

Mein Vater war ein DIY-Typ. Hätte er auf Tattoos gestanden, er hätte sich „Do it yourself“ reingeritzt. Er hat unser Haus praktisch alleine aufgebaut, er hat den Wasserrohrbruch vor ein paar Wochen alleine in den Griff gekriegt, er hat die Garage im Alleingang aufgebaut. Und nun ist er tot, mit 69 Jahren ein paar Monate vor seinem Siebzigsten an seinem dritten Herzinfarkt gestorben. Mein Vater ist tot.

Mein Vater ist tot und ich muss das hier aufschreiben, weil ich sonst durchdrehe. Ich muss es festhalten, wenigstens versuchen, die Gedanken an meinen Vater. Weil er sonst weg ist, so wie er weg ist, weil er weg ist.

Mein Vater war der lustigste Kerl von allen. Als ich meinen ersten Tag an der Berufsschule antrat, kam Herr Soundso herein und fragte, wer denn dieser René Walter sei. „Ich bin das“ sagte ich, woraufhin er meinte: „Oje, mit so nem Vater kann das ja nix werden“. Mein Vater war zufälligerweise einen Tag vorher mit ihm in einer Kneipe. Herr Soundso war seit diesem Tag ein Fan von mir, weil mein Vater.

Mein Vater schäkerte grundsätzlich mit allem weiblichen Personal, das ihm in die Quere kam. Er verarschte jeden, der ihm auch nur ansatzweise mit Business-Kasper-Angelegenheiten komisch kam. Mein Vater liebte meine Mutter, sie funktionierten zusammen wie ein Uhrwerk, das nun zerbrochen ist.

Mein Vater ist tot.

Die ganze Zeit im ICE aus dem Fenster gucken und sich null dafür interessieren, wie es anderen geht.
Am Bahnhof tatsächlich erstmal nicht nur einen sondern zwei Züge nach Hause fahren lassen um nicht nur einen, sondern drei Jacki-Cokes praktisch auf Ex zu saufen, weil man 1.) dieses Ungetüm einer Nachricht nicht in seine reale Welt lassen will und 2.) Den Schmerz ja auch irgendwie betäuben will. Was nicht klappt. Saufen stinkt gegen verstorbene Väter extrem ab.

Wenn einem ein Elternteil wegstirbt, dann fühlt sich das ungefähr so an: Es ist genau das gleiche Gefühl, als hätte einem einer in die Magengrube gehauen, minus den Schmerz, dafür bleibt aber diese seltsame Leere, das Vakuum. Er ist weg.

Ganz schlimm ist der Hass, den man auf einmal für alle Menschen empfindet, die da draußen ihr normales Leben weiterleben. Als ob sie was daür könnten. Aber sie stehen auf einmal alle im Weg. Und sie lachen und lächeln und man will nur nach Hause, den Schmerz teilen. Mit Mami und denjenigen, die übrig sind… und mit der besten Freundin, die da ist, die auffängt, die da ist, wie niemand vorher.

Und den größten Horror bereitete mir dann heute die digitale Technologie. Mein Vater, gestern verstorben, schickte mir eine E-Mail, ein paar Stunden vor seinem Tod. Die ich laß, kurz nachdem ich von seinem Ableben erfahren hatte. Darin stand:

Hallo Rene,
hast Du dich wieder erhohlt,oder noch schlapp vom Treppen laufen? hat Dir bestimmt gut getan für Deine Fiegur.
wieviel KG sind runter? wie lang hat es gedauert bis Du alles im 12.Stock gehabt hast?
Danch ein kühles BIER oder hat der Alte keins rauf geholt,
Spaß beiseite ist schon Sch, bis in den12,Stock alles schleifen
Was macht die Post ?hast u alles richtg durchgelesen die 500 Eu,mußt Du schon zahlen. Unternem was am .Montag.
und sag uns Bescheid was Du erreicht hast.

Deine Webseite haben wir gelesen,haben uns halb totgelacht,musste ja mal kommen sonst wierd man übermütig.
Warte auf Antwort.

Tags: Death Storys

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