Doku über das Ende des Privaten gewinnt bei Sundance


(Vimeo Direktpublic)

Ich habe ja sonntags keine Meinung, weshalb ich das superspannende Thema, das Plomlompom hier im Editorial von heises iX aufgemacht hat, in mein Delicious gepackt habe. Aber manchmal kommen Dinge irgendwie zusammen, denn zeitgleich habe ich dieses Video einfachster Überwachungstechnik gefunden und beim Sundance Filmfest gewinnt die Doku „We live in public“ über ein Internet-Kunst-Projekt (Trailer oben) und jetzt muss ich eben doch was dazu tippen. Snip von iX:

Es greift zu kurz, Privatsphäre nur als Kernraum der Freiheit zu sehen. Hier halte sich soziale Kontrolle zurück, hier könne man sich unbeschränkt verwirklichen, hier könne Unangepasstheit zum politischen Stachel heranwachsen. Das unterschätzt die hemmende, potenziell erstickende Isolation des Privaten. Unter ihrer Decke vollziehen sich zum Beispiel häusliche Gewalt und Kindererziehung zu repressiven Werten. Ebenso kann Privatheit ein Verlies sein, in das eine intolerante Gesellschaft Andersartiges sperrt, und zugleich ein Ventil, damit sie nicht toleranter werden muss. Der Befreiungsweg der Homosexuellen etwa führte folglich nicht über Datenschutzkampagnen, sondern über Massen-Outing.

Das ist natürlich ganz korrekt beobachtet, die Thematik geht technisch jedoch noch viel weiter. Das was Google da macht, das ist ja digitale Technik ganz zu Ende gedacht und die arbeiten praktisch an nichts anderem als der Kehlmannschen „Vermessung der Welt“, quasi. Seit der Erfindung des Bits hat man die reale Welt in Nullen und Einsen abgebildet und gespeichert, ganz am Ende steht die Kopie der Welt im Netz, für jedermann zugänglich. Das birgt viele Risiken und Gefahren, aber eben für die Menschheit ungeahnte Möglichkeiten. Das Fass könnte man noch viel weiter aufmachen, gesellschaftliche Evolution, Copyright, soziales Gefüge – all das wird von der Digitalisierung mindestens herausgefordert. Im Grunde zwingt die Technologie den Menschen in ganz neue Denkmuster. Eins davon ist das Ende der Privatheit.

Natürlich wird es immer einen Raum zum Rückzug ins Private geben, der wird aber der Sonderfall und nicht, wie noch heute, die Norm. Heute muss ich aktiv werden, um öffentlich zu sein, morgen werde ich aktiv das Private suchen müssen. Desto mehr Menschen im Netz mehr kommunizieren, desto weniger privat sind sie, denn das Netz kennt nichts privates. Das kann man gruselig finden, muss man aber nicht. Warum eigentlich ist das gruselig? Selbstverständlich wegen des (gesunden) Misstrauens dem Staat und Unternehmen gegenüber. Das Blöde ist aber eben auch, dass dieser Paradigmenwechsel Regierungen und Unternehmen genauso betrifft.

Das sind so die Fragen, die auch die Doku „We live in public“ aufwirft und weil ich sonntags keine Meinung habe, biete ich hier am Ende keine Conclusio, sondern lasse die Fragen einfach offen, denn leicht zu beantworten sind sie nicht. Hier noch ein paar Links zur Doku.

wlip

Sundance Interview: Director Ondi Timoner and Josh Harris of 'We Live in Public', hier ein Text auf Wired zum Kunstprojekt aus dem Jahr 2000: Steaming Video.

Like Marshall McLuhan, Josh Harris sees the medium, rather than its content, as the message. "When TV first came out, it had an impact like a social atomic bomb," he says. "But the mode of intimacy that I'm presenting, which we'll experience via the Net, is going to be bigger."

Starting October 10, Harris is making his own life totally accessible at www.weliveinpublic.com, in collaboration with his 29-year-old girlfriend, Tanya Corrin - who demonstrated her own predilection for self-exposure when she posed naked on the cover of Nerve magazine last summer.

Harris has been fantasizing for a long time about living totally in public (most recently, he mentioned it to Inside.com). The reality, though, turns out to be more ambitious than anyone expected. Instead of just dumping a few webcams in arbitrary locations, he's having his apartment restyled by a professional set designer, and special heat-seeking cameras will track his most intimate moments with Corrin, from bathroom to bedroom. Streaming video will go out around the clock via a network of regional servers, and Harris wants the process to be interactive. He'll talk to viewers, and their responses will appear as text on monitors scattered around his living space.

Hier ein Review der Doku auf Cinematical:

The unexamined life is not worth living, to be sure, but what We Live in Public asks -- as a pertinent question in the age of blogging and MySpace and Facebook and Twitter -- is if perpetually broadcasting your life is the same thing as examining it, and asks the question of who, exactly, is doing the watching. Harris was the bored researcher with his thumb on the fast-forward button for a while, and he tumbled through these thorny philosophical issues years before any of us even had the chance to, and wound up scratched and bruised by them. He's currently broke, living in Ethiopia, pursuing the interest-slash-obsession with Gilligan's Island he acquired in his youth and expressed in weird, wild ways throughout his whole life.