UKs Copyright-Internetfilter und ein dialektischer Versuch

Das hier hatte ich schon lange im Hinterkopf: Den Versuch, bei der Copyright-Diskussion den gegenüberliegenden Standpunkt einzunehmen, eine dialektische Copyright-Diskussion sozusagen, ausgehend von der Realität des Recht des Urhebers. Der Anlaß ist dieser Artikel bei der Financial Times (via Gulli, Artikel nur gegen crappy Registrierung), laut dem demnächst in England ISPs den Netz-Traffic durchleuchten und bei wiederholten Urheberrechtsverstößen die Nutzerdaten direkt an die Contentindustrie liefern werden. Überwacht wird diese Überwachung von einer neuen Behörde namens „Rights Agency“, die wiederum vom staatlichen Telco-Regulierer „Ofcom“ überwacht wird.

Ministers intend to pass regulations on internet piracy requiring service providers to tell customers they suspect of illegally downloading films and music that they are breaking the law, says the draft report by Lord Carter.

It would also make them collect data on serious and repeated infringers of copyright law, which would then be made available to music companies or other rights-holders who can produce a court order for them to be handed over.

With the creation of a body called the Rights Agency to be paid for by a small levy from the internet service providers and rights-holding organisations, these measures would form the spine of a new code of conduct for the internet industry. The draft report says the code would be overseen by Ofcom, the broadcasting regulator, according to people who have read it.

Die Urheberrechtsfrage wird in England also kompletto mit der totalen Netzüberwachung, ganz nebenbei auch ein Rieseneingriff des Staates in die Privatwirtschaft – die Finanzkrise lässt winken! – in eine eigene Behörde ausgelagert. Und morgen haben sie ein Urheberrechtsministerium. Und Übermorgen haben wir dasselbe, wetten?

Das Blöde ist nur: Der Staat muss so handeln, realistisch betrachtet. Tatsächlich bleibt neben einer technologischen Realität (Musik und Filme sind unbegrenzt verfügbar aufgrund einer neuen Technologie) eine juristische (Musik und Filme sind urheberrechtlich geschützt, laut IFPI sind 95% aller Musikdownloads illegal). Nun schaut sich die Legislative (also die Politik) das Schlamassel an und wägt ab: Was ist effektiver? Was ist wirtschaftlicher?

Und natürlich ist es billiger, den Traffic, der sowieso durch die Backbones läuft und dessen Daten sowieso da sind, zu speichern und bei Bedarf abzustrafen. Auf jeden Fall billiger, als ein komplett neues Verteilungsmodell, eine neue GEMA, eine neue Rechteverwertung aufgrund der digitalen Gesellschaft – eine neue Philosophie im Umgang mit geistigem Eigentum.

Auf der einen Seite müsste man eine neue Infrastruktur aufbauen, auf der anderen nur Daten in die Exekutive weitergeben, die ISPs zum Handlanger des Staates machen. Datenschutz gegen Kriminalität, da gewinnt am Ende beim Staat (zumindest in England) der Krimi im Jahr 2009 – vor allem wenn eine ganze Branche in Gefahr gerät und das ist eben wichtiger als die Bedenken der Datenschützer und Internetfreaks. Und deshalb wird in UK demnächst der komplette Traffic auf Urheberrechtsverletzungen gescannt und mit einer neuen Gehörde dagegen vorgegangen.

Soweit die nüchterndste Argumentsammlung, die ich für die Gegenseite der Copyright-Befürworter zusammenstellen kann, rechtlich einfach und grundsätzlich und relativ leicht zu entwaffnen.

Denn eine andere juristische Realität ist – neben dem bisherigen Urheberrecht – die Zeitversetzung seiner gesellschaftlichen Relevanz. Das heisst, Dinge sind länger juristisch als gesellschaftlisch relevant. Und das Urheberrecht ist in der digitalen Gesellschaft irrelevant. Klingt hart und erfordert natürlich grundsätzliche Reformen, ist aber unumgänglich, alles andere führt zu einer Urheberrechtspolizei, die ich mir gar nicht vorstellen möchte. Auch wenn die Engländer auf dem besten Weg dahin sind.

Es ist völlig unerheblich, wieviele Copyright-Cops (Hier stand ursprünglich der Tippfehler „Copyright-Copy“ …) – denn die Kids sind nicht doof. Die kopieren Musik, wie sie können. Und wenn das nicht online geht, dann eben offline. 'Ne externe Terrabyte-Platte kostet derzeit 99 Euro, das sind rund 200.000 Songs, das sind rund 20.000 Alben – nur 5000 weniger als die Plattensammlung von John Peel, die auf immerhin 1,5 Millionen britische Pfund (rund 2,2 Millionen Euro) geschätzt wird. Every music you ever need. Und dann kann ich mir ja auch zwei Terabyte-Platten kaufen.

Das Problem der Content-Industrie ist dann nicht mehr die Vernetzung, sondern der Speicherplatz. Vernetzung wird dann nicht mehr zum Sharing von Daten, sondern zur Verabredun zu Offline-Copyparties genutzt werden. Online verabredete WLAN-Partys, auf denen man Motown Complete gegen den kompletten Beatles-Katalog tauscht – die einen Bruchteil des Platzes der ein oder anderen Platte braucht, die in die Tasche passen.

Und das macht nicht nur den Handel der Musik-Industrie mit CDs (also mit phsysischen Gütern) obsolet, sondern eben den Handel mit Songs, den Handel mit Einheiten! Wo keine Nachfrage („Den Song? Hab ich schon'“ – oder auch „Kennste den?“ „Cool, kopier mal auf nen Stick“), da kein Markt. P2P ist eine Realität, die der juristischen Realität vorgelagert ist, deshalb wird früher oder späer auch die politische der gesellschaftlichen Realität folgen, und die ist bedingt durch das Internet eine „Share-Gesellschaft“. Ideen können seit dem Buchdruck addiert werden, die Vernetzung und Digitalisierung schafft einen Multiplikator der Ideen. Diesem exponentiellen Wachstum der Kopien ist das Urheberrecht nicht gewachsen – es ist sozusagen auf eine additive Kopie ausgerichtet, nicht auf multiplikatorische. <-- diesen Begriff habe ich grade erfunden, ha!

Und all das führt natürlich dazu, dass auch UKs Copyright-Cops (<--- schon wieder derselbe Schreibfehler, kein Scheiß!) auf ganz lange Sicht der gesellschaftlichen Realität weichen werden muss. Und die ist folgende: Ich habe mir neulich so ziemlich alles in guter Qualität von einem USB-Stick gezogen, was so grade im Kino läuft und lief. Das ist die Realität. Und da helfen keine Cops.