Klaus Farin über das Ende der Jugendkulturen

Gepostet vor 7 Jahren, 6 Monaten in Misc

Im De:Bug-Magazin gibt es ein sehr schönes und hochinteressantes (und typografisch erbärmlich gesetztes) Interview mit Klaus Farin, Leiter des Archivs der Jugendkulturen, über das Ende (bzw. die Nichtexisten) derselben.

Ist die Jugend von heute noch irgendwie rebellisch? Wenn ja, auf welche Art und Weise?

Die Jugend war ja nie rebellisch. Es waren ja immer nur Minderheiten. Bei den berühmten 68ern, die die Jüngeren von heute immer vorgehalten bekommen, waren es ja nur 3-5% der damals Studierenden, die ernsthaft auf den Straßendemos waren, eine kleine radikale Minderheit. Wahrscheinlich waren damals CDU-Wähler viel repräsentativer für das Land als Rudi Dutschke. Die Medienkraft hat es geschafft, der Generation einen Stempel aufzudrücken. Denn jeder, der an 68 denkt, denkt an lange Haare, Woodstock und Revolution, und nicht an die Skinheads, die zur gleichen Zeit entstanden sind. Bei den meisten bestand die Revolution allerdings darin, die Rolling Stones gut zu finden.

Es sind immer Minderheiten, die rebellisch sind. Es ist auch heute so. Vor allem in einer Konsumgesellschaft, weil Konsum heißt: Nicht selber machen, sondern das schlucken, was vorgegeben wird. Konsumgesellschaft ist im Gegensatz zu autoritären Gesellschaften auch sehr mächtig, denn sie kriegt alle Teile der Bevölkerung. Die Minderheiten, die heute noch kreativ und rebellisch sind, haben es heute schwieriger. Zum einen, weil Rebellion in wirtschaftlich prosperierenden Zeiten wächst, also wenn es den Leuten gut geht, dann sind Ressourcen da. In Zeiten, in denen sich die Gesellschaft Millionen Arbeitslose leistet und jederzeit Leute in die Ecke schieben kann, darf man sich keine kritische Rebellion erwarten, die haben nicht die Zeit, die Kraft, den Mut dafür. Die müssen sich in erster Linie darum kümmern, einen Job zu kriegen.

Unter den jetzigen Wirtschaftsbedingungen hätte es 68 gar nicht gegeben. Dennoch glaube ich, dass sich im sehr weit gefassten Begriff die Jugend von heute durchaus rebellisch zeigt oder sogar mehr politisch interessiert ist als früher. Nicht in den klassischen Formen: wählen gehen oder Parteien und das ganze langweilige Zeug, aber im direkten Umfeld. Ich halte es für politischer, wenn jemand sagt: In meinen Club kommen keine Rassisten rein, als jemand, der einen Brief an den Integrationsbeauftragten verfasst, um eine Gesetzesänderung herbeizuführen. Im Alltag sind viele Jugendliche, auch durch die Medien, anders sensibilisiert und somit kritischer als meine Jugendgeneration.

Brauchen die Jugendlichen also die Medien oder die Medien die Jugendlichen?

Die Jugend ist ja immer gerne Sündenbock und Seismograph für gesellschaftliche Entwicklungen. Die Gesellschaft arbeitet gerne ihre Fehler und Defizite an ihrer eigenen Jugend ab. Weil, sie können sich nicht wehren! Wenn man als Journalist einen Staatsanwalt anpinkelt, überlegt man sich das vorher gut, weil der zurückschlagen kann. Über Punks und Neonazis kann ich doch schreiben, was ich will, die können sich nicht wehren, und Jugendliche sind schon immer die Folie für gesellschaftliche Fehlentwicklungen, auf deren Schultern dann das Ganze diskutiert wird.

Das Ende der Jugendkulturen (via KFMW)

Tags: Society Youth

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