Dem Bauer Adam sein Sohn Herrmann ist aber auch alt geworden

19.11.2008 Misc #Storys

Share: Twitter Facebook Mail

Ich war ja heute gar nicht da und alle Postings von heute wurden vom WordPress Autobot gepostet. Ich war heute also gar nicht da, sondern schufften. So richtig schweißtreibende, körperliche Arbeit war das. Nicht sehr zu empfehlen, dafür aber inklusive Time-Warp in meine Vergangenheit, is ja auch was. Denn ungefähr ein Drittel meiner Kindheit (nämlich so ziemlich jedes Wochenende von so 3 bis 10, oder so) verbrachte ich die Winter hier:

Auf diesem Hang habe ich Skifahren gelernt, zuerst im Rucksack auf dem Rücken meines Vaters, dann auf eigenen Skiern. Das erste Paar bekam ich mit Vier und verlernt habe ich Skifahren nie. Ich war zwar seit 10 Jahren nicht mehr auf der Piste, ich wüsste aber: wenn ich jetzt in die Berge fahren würde, ich bräuchte einen Tag, nicht mehr, um wieder wie 'ne gesengte Sau die schwarzen Pisten runterzuheizen.

Gewohnt haben wir in einer Wohnwagen-Siedlung, ich erinnere mich an Bars aus Schnee, an einen Schneemann im April, den wir mit zwei Riesenohren zu einem Osterhasen mutieren ließen. Ich erinnere mich an Schlittenfahrten ins nächste Kaff, bei denen wir nicht eingeplant hatten, dass wir auch irgendwie wieder zurückkommen mussten, und dann fluchend unsere Schlitten hinter uns herziehend den ganzen Weg zurück gelatscht sind. Ich erinnere mich, wie ich in diesem weißen Kasten in einer Decke gemümmelt Westworld, Jekyll & Hyde, The Good, The Bad & The Ugly, Dracula, Frankenstein, den Wolfsmensch und Tarantula sah. Ich erinnere mich daran, dass ich mit Acht oder Neun die Pornohefte meines Vaters in einer versteckten Schublade fand und ich mich fragte, was zum Geier die Leute da machen. Sah aber interessant aus. Ich erinnere mich an S., die mir ihre Mumu zeigte und ich erinnere mich an die Kröten aus dem Feuerwehrteich, die wir mit Stöcken vom Grund aufscheuchten und auch an das eine mal, als R. eine Kröte mit seinem angespitzten Stock aufspießte. Ich erinnere mich auch an die Schwester eines Mädchens in ihrem Sonntagskleidchen, das irgendwas gemeines zu mir sagte und das ich daraufhin in eben jenen Feuerwehrteich voller Kröten stieß. Kinder können sehr gemein sein. An all das durfte ich mich heute wieder erinnern, als wir dieses weißen Kasten abgebaut haben, in dem ich ungefähr ein Drittel meiner Kindheit verbrachte.

Ich habe heute geschuftet wie ein Ochse, habe Öfen geschleppt, Regale abgebaut, Sperrmüll entsorgt, Kupplungen ab- und angeschraubt, Bodenplatten gestapelt, Fließen geschleppt, das Vorzelt abgebaut, das Gestänge irgendwie zusammengelegt, Teppiche herausgerissen und vergammeltes Zeug weggeschmissen, denn tatsächlich stand das Ding seit mehr als 3 Jahren unbenutzt auf seinem Platz in einer Wohnwagensiedlung im Odenwald und jetzt tut mir mein Kreuz weh. Dann kam Herrmann, der Sohn von Bauer Adam, der schon lange tot ist und von dem ich früher immer frische, und ich meine damit: ganz frische, Milch geholt habe. Praktisch direkt aus dem Euter, sozusagen. Ich weiß noch, wie Herrmann in seinen Gummistiefeln über den Bauernhof gestapft ist oder auf dem Misthaufen Mist geschaufelt hat. Wir haben früher die ein oder andere Runde Kniffel gespielt. Herrmann ist alt geworden, grau ist er geworden, fast schon weiß. Wie die Zeit vergeht.

Früher bin ich im Odenwald rumgeklettert, auf Felsen, acht Meter in die Höhe. Wir haben einen Bach bis zu seiner Quelle verfolgt und haben uns aus Stöcken Messer aus Holz geschnitzt, was ja völliger Unsinn ist, sich mit einem Messer aus Metall ein Messer aus Holz zu schnitzen. War uns aber wurscht, hauptsache schnitzen. Wir haben Iglus gebaut wie die Eskimos und ich habe aus dem Fenster geglotzt und den Meisen beim Körnerpicken zugesehen. Dort habe ich mit meiner Nichte und meinem Neffen rumgealbert und den Pudel meines Onkels fand ich damals schon doof. All das habe ich heute abgebaut, entsorgt und rumgeschleppt. Bleiben wird die Erinnerung an einen wunderbaren Ort meiner Kindheit, den ich vielleicht nie wieder sehen werde. Wie die Zeit vergeht.