Konservativ vs. Liberal, psychologisch betrachtet


(The real difference between liberals and conservatives: Jonathan Haidt on TED.com)

Okay, das hier ist hochinteressant und eine Frage, die ich mir als politisch links eingestellter Mensch schon sehr, sehr lange stelle. Nämlich diese hier: wie zum Geier kann man nur eine konservative Partei wählen? Es geht mir nicht in den Kopf, wie manche Menschen tatsächlich Standpunkte wie die von Schäuble oder (ohgottohgott) einem Beckstein einnehmen können. Das erscheint mir mit meinen hohen Vorstellungen von Freiheit und Gleichheit aller Menschen unvorstellbar, wie man da konservative Wertebewarer wählen kann, die für die Sicherheit im Extremfall schonmal Flugzeuge vom Himmel bomben wollen. Geht mir nicht in den Kopf, anderen dagegen schon. Und ich habe mich schon immer gefragt: warum?

Die Antwort liefert Psychologe Jonathan Haidt, dessen Artikel „What makes People vote Republican?“ ich neulich in die Delicious-Links gepackt habe (dessen Blogpost-Automatik auch einen Hänger hat derzeit, sorry, scheiß Drittanbieter). Von genau dem hat das TED-Blog heute einen Vortrag gepostet, in dem er seine Punkte nochmal live auf der Bühne erläutert. Und das ist für einen Linken wie mich – mindbending. Ich bin jetzt keinen Deut konservativer, aber ich kann verstehen, warum andere Menschen konservativ wählen: weil, und das klingt jetzt seltsam, sie einer differenzierteren Moral folgen.

Wo für Linke die Freiheit und Gleichheit das höchste Gut ist, blenden sie andere moralische Kategorien mehr oder weniger aus. Loyalität, Authorität und Reinheit sind für mich moralische Kategorien, die weit unter Freiheit und Gleichheit angesiedelt sind. Das macht mich psychologisch nach Haidts Artikel zu einem typischen Linken. Genau diese drei moralischen Kategorien sind den Konservativen allerdings genausoviel wert, wie Freiheit und Gleichheit. Diese Bewertung erfolgt überall auf der Welt gleich, völlig unabhängig von Nation oder Kulturkreis, ist also eine urmenschliche Eigenschaft. Und alle fünf sind nötig, um eine funktionierende Gemeinschaft oder Gesellschaft aufzubauen. Also fokussieren Linke eher die Freiheit und die Gleichheit des Individuums, Konservative eher die Werte der Gemeinschaft.

When Republicans say that Democrats "just don't get it," this is the "it" to which they refer. Conservative positions on gays, guns, god, and immigration must be understood as means to achieve one kind of morally ordered society. When Democrats try to explain away these positions using pop psychology they err, they alienate, and they earn the label "elitist." But how can Democrats learn to see—let alone respect—a moral order they regard as narrow-minded, racist, and dumb?

Die Antwort die Haidt im obigen Video und in seinem Artikel gibt, ist folgende: man muss ausbrechen aus der jedem Menschen zugrunde liegende Haltung: Ich habe Recht. Das nennt sich Dialektik. Die Kunst, die Argumente der Gegenseite zu hören und nachzuvollziehen (was mich ja mal wieder an mein Long-Time-Project erinnert: eine Betrachtung des Urheberrechts von „der anderen Seite“ aus). Die Wahrheit liegt laut Haidt wie immer in der Mitte. Liberal und Konservativ ergänzen sich wie Jing und Jang und das ist eine interessant Erkenntnis. Mindestens.

Wobei, wenn ich anfügen darf: Wenn Konservative alle fünf Kategorien gleich bewerten, Liberale allerdings Freiheit und Gleichheit höher bewerten, dann ist die Wahrheit der Mitte immer noch eine höhere Bewertung von Freiheit und Gleichheit, nur nicht ganz so ausgeprägt. Die Wahrheit, das Jing und Jang wäre also in der linken Mitte angesiedelt und die CDU und CSU damit vom Tisch. Das aber nur am Rande.