Der Rothaarige, Ende der Neunziger

10.09.2008 Misc #Death #Storys

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(Youtube Direktkrebs, via BoingBoing)

Als ich eben obiges Video bei Boing Boing gesehen habe, ist mir folgende Begegnung Ende der Neunziger eingefallen. Ich machte damals meine Ausbildung zum Schriftsetzer. Heute heisst das Mediengestalter Digital und Print, man macht aber praktisch dasselbe, nur ohne Kaffeepause, wenn man was ausdruckt. Ich war im zweiten oder dritten Lehrjahr, da kam auf einmal unser Ausbilder in unseren Azubi-Raum und stellte uns zwei Männer vor. Beide um die Dreißig, beide beim Umschulen. Von Rechnern und Klicks hatten sie keine Ahnung. Ich bekam den einen der beiden.

Ich weiß nicht mehr, wie er hieß. Ich weiß nur, er hatte rote Haare und war sehr interessiert. Und so erklärte ich ihm erstmal das grundlegende („So klickste, so dragste und so dropste“), dann das weiterführende („Das ist DinA4“) und darauf das spezielle („Darf ich vorstellen: QuarkXPress“). Eine Woche brachte ich mit ihm zu, wir machten Zigarettenpausen und erzählten uns von Mädchen, Drogen und Partys. Nach der Woche hatte er ein paar Sachen gelernt, er konnte schon selbstständig den Rechner hochfahren und was ein Doppelklick war, wusste er auch. Ich war zufrieden und er ging seiner Wege. Ich sah ihn nie wieder.

Jahre später erfuhr ich von einem Bekannten, dass der rothaarige Mann, dessen Name ich nicht mehr weiß, ungefähr ein halbes Jahr nach dieser einen Woche Ende der Neunziger gestorben ist. An Krebs. Mit Anfang Dreißig. Ein halbes Jahr, nachdem er noch putz und munter neben mir saß. Life's a Bitch. Ich bin jetzt 34 und ich denke in letzter Zeit häufiger an einen General-Check, mit Darmspiegelung und allem Pipapo. You never know.