Die letzte Schnake 2008

Als ich neulich was von fiesen Geräuschen erzählt habe, unterschlug ich das fieseste Geräusch aller Sommer. Denn es gibt nichts, was an die Grausamkeit und die Heimtücke heranreicht, die das Geräusch einer sich im Anflug befindlichen Schnake um zwei Uhr nachts ausstrahlt, genau zwei Minuten, nachdem man das Licht gelöscht und die Augen zugemacht hat. Da liegt man so da und gähnt so ein bisschen vor sich hin, rollt sich irgendwie ein und nimmt Schlafposition ein, fängt schon ein bisschen an zu träumen, vielleicht sabbert man sogar schon ein bisschen und auf einmal...

[Das Geräusch einer sich im Anflug befindlichen Schnake ist schriftlich nur schwer wiederzugeben im Gegensatz zu den Bsssss einer Fliege oder dem Roar eines Löwen. Ein schriftlich wiedergegebenes Schnakengeräusch müsste ziemlich viele Is enthalten, dann aber noch ein paar Ss oder Zs, um diesem Oxymoron des hellen Summens gerecht zu werden. Aber eigentlich klingt so ein helles Summen einer Schnake im Anflug um zwei Uhr nachts auch nicht, wie Zs und Is, sondern eher wie Es, also so ein bisschen wie Zeeeeeeeeeeeee, was das tatsächliche Geräusch aber auch nur unzureichend widergibt. Deshalb möchte ich auf eine schriftliche Wiedergabe des Geräusches (einer Schnake im Anflug um zwei uhr nachts) auch gerne verzichten, denn mal ehrlich: Jeder kennt dieses in den Wahsinntreibende Geräusch (einerschnakeimanflugumzweiuhrnachts).]

Was ich natürlich damit sagen will, wenn ich schrub: „liegt man so da“ und „man gähnt vor sich hin“, ist: als ich gestern um zwei Uhr nachts endlich ins Bett sprang, das Licht löschte und die Augen schloß, so ein wenig dagelegen hatte und vor mich hingähnte, mich eingerollt und meine Schlafposition eingenommen hatte, schon ein bisschen von Blondinen und Asiatinnen träumte und dabei anfing, ein wenig zu sabbern... da vernahm ich auf einmal das im zweiten Absatz nur unzureichend beschriebene Geräusch einer Schnake im Anflug um zwei uhr nachts. Ein erstes Herumfuchteln verscheuchte das Vieh, aber nicht den Gedanken an die Schnake. Ab da lag ich wach, auf jedes kleinste Knacken in der Wohnung achtend, hellhörig to say the least. Ich lag auf der Lauer.

Nun machen das Schnaken ja so: wenn die merken, dass René noch nicht pennt und rumfuchtelt, also alles andere als „aussaugwillig“ ist (zumindest gegenüber Schnaken, Anm. des Autors), dann lassen sie sich irgendwo im Dunkeln nieder und warten, bis sich ihr Opfer erneut schlafenlegt. Schnaken liegen also – ebenso – auf der Lauer. Und so belauerten sich René und ein Viech mit dem Gehirn in der Größe einer Stecknadelspitze gestern Nacht um (mittlerweile so) 2 Uhr 15. Ich horchte ins Dunkel: wo ist dieses beknackte [Geräusch]. Die Schnake guckte: fuchtelt der noch mit den Armen? Irgendwann um 2:30 horchte ich nicht mehr, ich sabberte und träumte im Halbschlaf, als... [Geräusch einer Schnake im Anflug um zwei uhr nachts]. Ich war wieder hellwach, doch diesmal wollte ich dem Mistvieh eine Falle stellen.

Also blieb ich liegen und wartete geduldig, bis die Schnake wieder angeflogen kam und sich auf meiner Stirn niedergelassen hatte. Da hockte es nun und machte sich bereit, mir das Blut aus dem Kopf zu saugen. Langsam hob ich meinen Arm und haute mir schließlich mit voller Wucht mit der flachen Hand gegen den Kopf. Mit glühender Stirn, leichten Kopfschmerzen und einem Anflug von Traurigkeit lag ich danach im Dunkeln und hörte nur, wie die Schnake unbeschadet von dannen flog: [leiser werdendes Geräusch einer Schnake im Abflug um zwei uhr nachts].

Dieses Spiel wiederholte sich noch dreimal, glaube ich, unterbrochen vom eingeschobenem Aktionismus eines lichtanmachenden, erfolglos die Decke und Wände absuchenden Renés um drei Uhr nachts. Irgendwann hockte die Killerschnake from outer Space schließlich auf meinem Arm und ich schlug sie endlich zu Brei. Ich tötete die letzte Schnake des Jahres 2008 um vier Uhr nachts am 5. September nach zähem Kampf über zwölf Runden. Drecksvieh.