Vom Laptop meines Vaters

27.08.2008 Misc Tech #Storys

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Ich habe meinem Vater einen Laptop geschenkt. Hätte ich besser nicht gemacht. Neulich der erst Anruf: „Wo geht der nochmal an?“ („Da oben, an dem Gnubbel mit dem Punkt“). Fünf Minuten später der nächste Anruf: „Ich geh mit dem Pfeil auf die Dinger, aber es passiert nix!“ („Du musst klicken, Papa!“ - „Was?“ - „Klick-en!“ - „Was?“ - „Seufz... ich komm vorbei.“)

Man muss wissen, meine Eltern sind 67 und 69 Jahre alt und kennen Computer nur aus dem Fernsehen. Das Internet halten sie für eine Mischung aus Datenklau, Kinderporno und Raubkopie. Bei meinen Eltern haben die klassischen Medien also ganze Arbeit geleistet: sie haben keine Ahnung. Das ist aber gar nicht so schlimm, dachte ich, lässt sich bestimmt noch alles gradebiegen. Dachte ich. Mein Vater wollte erstmal wissen, wo er Aktienkurse herbekommt. Ich habe ihm also einen Bookmark zu einer Börsen-Übersichtsseite in der Symbolleiste abgelegt, da muss er einfach nur draufklicken. Was mir allerdings eben nicht bewusst war: wie erklärt man einem Mann, der das letzte mal 1987 mit einem Computer gearbeitet hat und dort nur Kommandozeilen von kopierten Blättern abgetippt hat, wie erklärt man dem das Prinzip Klick? Den Unterschied zwischen Links- und Rechtsklick? Doppelklick? Drag'n'Drop? Cut'n'Paste?

Ich weiß noch, meine Oma, die hatte keinen Fernseher. Die hat, wenn sie bei uns war (tatsächlich stand sie mal mit 83 Jahren urplötzlich vor der Tür, war von Darmstadt nach Wolfskehlen gelatscht. Mit 83! 16 oder 17 Kilometer!) immer nur kopfschüttelnd in Richtung Fernseher genickt und gefragt, wie man sich diesen Blödsinn anschauen könnte, genauso wie meine Eltern heute Richtung Internet und Computer nicken, und sich fragen, wie man diesen Blödsinn (Kinderporno! Raubkopien! Gangster überall!) nur antun kann. Meine Oma hatte übrigens Probleme mit der GEZ, die nicht glauben mochte, dass sie keinen Fernseher besaß, sondern jeden Tag auf einem alten Röhrenradio (dass immer noch im Haus meiner Eltern steht und... funktioniert!) Hörspielen lauschte. Will man Medienevolution verstehen, dann muss man sich nur seine Verwandten anschauen, das Kopfschütteln für die nachfolgende Generation. Das ist Medienevolution. Die maximal verständliche Medientechnik für meine Mutter ist die programmierbare Videoaufnahme, mein Vater versucht sich grade am Klick und ich bemühe mich darum, ein bisschen mehr MySQL und PHP zu verstehen (<-- nicht wirklich, dient nur illustrativen Zwecken). Ich bin jetzt schon sehr gespannt, wann ich das erste mal Kopfschüttelnd in irgendeine Medienrichtung nicken werde, die ich nicht mehr verstehe, und vor allem, welche das sein wird. Ich tippe mal auf hirnimplantierte Erinnerungen á la Total Recall, aber ich kann mich auch täuschen. Außerdem muss ich jetzt aufhören, das Telefon klingelt. Es ist mein Vater.