Staatsanwaltschaften verfolgen keine Filesharer mehr, warum ich das gar nicht mal so super finde (und warum es mir am Ende sogar egal ist)

Die Generalstaatsanwälte haben die Empfehlung ausgesprochen, nicht gewerblich vorgehende Filesharer nicht mehr zu verfolgen. Dazu gibt es gewisse Grenzen, in einem Bundesland sind es 200 Uploads, im anderen 3000 (via, vgl. auch Lawblog). Die Staatsanwaltschaften ziehen sich damit (zurecht?) aus der Affäre, wenn es um die Verfolgung von Filesharern geht. Ich kann aber dennoch nicht in die ganzen Jubelarien einfallen.

Denn: das liefert der Content-Industrie ein weiteres Argument in die Hand, um ihre Lobbyarbeit bezüglich ACTA und Telekom-Paket weiterhin erfolgreich voranzubringen. Schließlich können sie nicht anders, die Staatsanwaltschaften verweigern ja die Zusammenarbeit. So muss also die Politik dafür sorgen, dass man an die Daten zur IP kommt. Dafür muss man dann auch einfach nur mal Verbindungsdaten zu Rechnungsdaten deklarieren (und sich damit [noch] strafbar machen), was genau meine Befürchtung beim BVG-Urteil zur Vorratsdatenspeicherung wahr werden lässt, denn dem Datensatz ist es furchtbar egal, wie er heisst.

Und in der Zwischenzeit werden in Brüssel geheime Abkommen getroffen, die natürlich transparent gemacht werden sollen. Is klar. Ich habe noch nie eine solch intransparente Transparenz erlebt, wie beim Anti-Piraterie-Abkommen (Anti-Counterfeiting Trade Agreement, ACTA).

"Die Verhandlungen sollen so weit wie möglich transparent gemacht werden. Da die Vertragspartner aber Vertraulichkeit vereinbart haben, können wir keine Aussagen zu Inhalten machen", erklärte gegenüber heise online ein Sprecher des Bundesjustizministeriums (BMJ), das einen Beobachter zu den Verhandlungen in der vergangenen Woche in Washington DC entsandt hatte. Nachfragen zur möglichen Ausgestaltung wies der BMJ-Mann zurück. (heise)

Und genau das Zurückweichen der Justiz bei kleineren Filesharing-Fällen wird dazu führen, dass die Lobbygruppen gar nicht anders können, als den Druck auf die Politik diesbezüglich weiter zu erhöhen, um da zivilrechtliche Möglichkeiten zu schaffen. Sprich: Verbindungsdaten werden demnächst legal bei den ISPs als Rechnungsdaten abgegriffen und dann kommt der Abmahnanwalt, wobei es dann völlig wurscht sein wird, ob ich zehn, 100, 1000 oder 10000 Files getauscht habe. Und genau an diesem Punkt muss ich dann dieses scheinbare technologische Dystopia wieder ein wenig aufhellen, denn eigentlich geht es mir um etwas ganz anderes.

Bis in die Neunziger waren die Content-Industrie und die Hersteller von Unterhaltungselektronik die Herrscher über die Distribution von Inhalten. Man hatte die Wahl zwischen BetaMax, VHS und Video2000 oder Tapes und Schallplatten, wie der Content allerdings in den Player geriet, war den offiziellen Distributionswegen überlassen. Kino, Videothek, Fernsehen. Viel wurde mitgeschnitten, Hometaping is killing music und so, aber das war damals nichts im Gegensatz zu diesem technologischen Machtwechsel, den wir heute beobachten.

Heute hat die Medienindustrie die Macht über die Distribution verloren. Sie versucht, mit allerlei gescheiterten Mitteln wie DRM oder Lobbyarbeit, diese Macht aufrechtzuerhalten und wird mit allen Vorhaben, egal ob technischer oder politischer Natur, grandios scheitern. Denn: mit dem Durchbruch des Netzes in den Mainstream ist das Verteilen von User Generated Software kinderleicht geworden und damit ist die Verbreitung der einfachsten und effizientesten Technologie am wahrscheinlichsten, und nicht mehr die Verbreitung derjenigen, die mit dem meisten TamTam am Markt eingeführt wird. Es geht mir hier ausschließlich um die Verbreitung von Technologien. Das mit den Kopien und dem Internet haben wir hier schon tausendmal.

Niemand muss heute zwischen leierndem VHS, umständlichen Video2000 und doofem BetaMax wählen, es gibt tausende miteinander konkurrierende Distributionstechnologien. Legale Alternativen wie iTunes, Musicload oder Napster konkurrieren auf diesem Markt mit tausendmal praktischeren, einfacheren und eleganteren Lösungen wie BitTorrent und deren technologische Entwicklung können sie nicht beeinflussen und das ist genau der Machtwechsel, auf den ich hinaus will. Politische und technologische Lösungen für das Filesharing-Problem der Industrie versagen in dem Moment, in dem der Nutzer diese Lösungen mit einem Klick aushebeln kann. Und er kann. Und wenn er kann, dann macht er es auch.

Selbst wenn mit dem Anti-Piraterie-Abkommen Bestimmungen zur Überwachung des Internet-Verkehrs eingeschleust werden, selbst wenn die Content-Industrie Verbindungsdaten von Filesharern bei den ISPs abfragen können wird, selbst wenn Zöllner demnächst iPods durchsuchen können sollen und selbst wenn man demnächst das Unknackbarste aller DRMs erfinden wird: einen Tag später wird es einen technische Umweg geben, einen Crack, einen Hack, verschlüsseltes Filesharing, whatever. Der technologische Shift der Distribution hat längst stattgefunden. Die Nutzer da draußen, Ihr, ich, wir entscheiden, welches Programm wir wie und wann dazu nutzen, um Medien zu empfangen. Diese Umwälzung ist fundamental und nicht mehr rückgängig zu machen.

Die Content-Produzenten sollten sich endlich damit abfinden, dass sie im 21. Jahrhundert vor allem eines nicht mehr sind: Content-Lieferanten.