Die TAZ über Radioheads „In Rainbows“-Aktion

Die TAZ trägt in einem mit der etwas unglücklich gewählten Überschrift „Experiment gescheitert“ überschriebenen Artikel die Musik-Industrie, oder besser: deren klassisches Geschäftsmodell, zu Grabe. Damit übertreiben sie schlichtweg und interpretieren auch die vieldiskutierte Musik-Flatrate falsch: nämlich als eigenes Webangebot. Dass diese Flatrate eher als Pauschalabschlag auf freie Tauschbörsennutzung gesehen wird, schreiben sie nicht, wahrscheinlich aus Unkenntnis. (Siehe auch Lukas: „[A]nyone who has made it to the end of this paper and assumes that the project was a failure has missed two critical points: firstly, lots of people bought the album in any one of its three formats and lots of people went to see the show - and the word ‘lots’ is robust no matter which comparative measure you use. Secondly, the wider purpose of this paper is in many ways echoing the tone of the recent article in The Economist: ‘Piracy is a bad thing. But sometimes companies can use it to their advantage’.“)

Das Kerngeschäft von Plattenfirmen hat sich in Luft aufgelöst. Mit dem schlichten Verkauf von Musik, das steht jetzt fest, ist kein Geld mehr zu verdienen. Das, was alle eigentlich schon wussten, hat nun eine von der Musikverwertungsgesellschaft MCPS-PRS Alliance in Auftrag gegebene Studie ganz offiziell bewiesen. Die britische Gema (Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte) ließ vom Marktforschungsunternehmen Big Champagne untersuchen, wie Kunden ein avantgardistisches Angebot von Radiohead annahmen: Die bekannte britische Band hatte ihr letztes Album "In Rainbows" zuerst als Download auf der eigenen Website angeboten, und die Kunden konnten selbst bestimmen, ob überhaupt und wie viel sie zahlen wollten.

Trotzdem, das ergab nun die Studie der MCPS-PRS, luden die meisten Interessenten "In Rainbows" nicht umsonst auf der Radiohead-Seite herunter, sondern lieber illegal über Internettauschbörsen. Allein über das Filesharing-Programm BitTorrent wurde das Album bereits am ersten Tag nach der Veröffentlichung 400.000 aus dem Netz gesaugt, 2,3 Millionen Downloads waren es nach gut drei Wochen. Im Klartext: Radiohead verschenkten ihr Album, aber die Hörer klauten die Musik lieber weiter wie gewohnt zwei Mausklicks nebenan.

Damit kann sich die darbende Musikindustrie nun endlich von einer Lebenslüge verabschieden. Dass nämlich der Musikkonsument gern auf illegale Angebote verzichten würde, wenn man den Verfolgungsdruck nur entsprechend erhöht und parallel dazu technisch konkurrenzfähige Verkaufsdownloads anbietet. Damit räumt die Studie nun radikal auf: "Tauschbörsen sind etabliert, unglaublich beliebt und werden niemals verschwinden", kommentierte Big-Champagne-Chef Eric Garland, "es ist Zeit, damit aufzuhören, gegen den Strom zu schwimmen, und zu akzeptieren, was die Leute wollen."

Zeit also für die Musikindustrie in Deutschland, all die Rechtsanwälte wieder zurückzupeifen, die Filesharer mit Klagen überziehen. Zeit für Softwareentwickler, die wahrscheinlich eh aussichtslose Suche nach dem unknackbaren Kopierschutz aufzugeben. Zeit für die Plattenfirmen und Onlineanbieter in England, sich das Porto zu sparen, mit dem sie demnächst hunderttausende von Downloadern über die Illegalität ihres Tuns aufklären wollen. Es wird, kurz gesagt, Zeit für die Verantwortlichen im Popgeschäft, die Realität zu akzeptieren.

Denn die sieht so aus: Die Leute wollen Musik. Aber sie wollen sie umsonst dort herunterladen, wo sie wollen und wie sie wollen. Wer also mit Musik noch Geld verdienen will, sollte sie am besten verschenken. Denn auch das beweist das Beispiel Radiohead: Obwohl "In Rainbows" quasi kostenlos angeboten und zudem millionenfach illegal heruntergeladen wurde, laufen die Geschäfte prima für Sänger Thom Yorke und seine Kollegen. Der Werbecoup hatte ausverkaufte Tourneen und akzeptable Verkäufe der später angebotenen Luxus-CD-Ausgaben zur Folge.

Link (via KFMW)