Warum Blogs in Deutschland funktionieren

Gepostet vor 8 Jahren, 1 Monat in Misc Share: Twitter Facebook Mail

Ich habe schon ewig nix mehr über das Bloggen geschrieben, was super ist und dieser Artikel ist auch garantiert eine Ausnahme. Versprochen! Aber Don Dahlman und Chris bei F!xmbr machen sich Gedanken darüber, warum Blogs in Deutschland scheinbar nicht funktionieren. Beide haben in ein paar Punkten Recht und in ein paar liegen sie meiner Meinung nach vollkommen daneben. Hier ein paar lose Anmerkungen und Gedanken dazu.

Don schreibt im Bezug auf die Abnahme der Verlinkungen: „Ich sehe das Problem eher in den Versuchen, Blogs zu monetarisieren. Wer viel Werbung auf seiner Seite (hat), der will auch viel Besucher und mag die nicht über Links wegschicken.“ Das ist Quatsch. Nerdcore ist eines der deutschen Blogs, das vermarktet wird, ich habe Banner auf meiner Seite und verdiene Geld damit. Und was mache ich? Ich poste Links. Jede Menge davon, schaut Euch den Scheiß an, rüber mit Euch, husch husch! Dass diese Links nicht immer in die deutsche Blogosphäre verlinken, hat andere Ursachen, aber dazu später und dass die Verlinkung in der deutschen Blogosphäre insgesamt abnehmen, da muss ich Chris Recht geben, wenn er schreibt: „Es wurde seit über einem Jahr keine “richtige” Sau mehr durchs Dorf getrieben.“ Und warum nicht? Ganz einfach, weil Sautreiben langweilig geworden ist. Sautreiben ist non-interesting Content und ich bin verdammt froh, dass ich diesen Scheiß nicht mehr mitmache. That's it.

Weiter schreibt Don: „Blogs werden hier entweder als "Schmutz" bezeichnet, die meiste Zeit jedoch einfach ignoriert. Mitunter schauen Journalisten mal bei Blogs nach, was es so für neue Themen gibt, aber Hinweise oder gar eine Verlinkung auf den Themengeber oder Ideenfinder gibt es selten.“ Das ist korrekt, aber kein Problem der Blogosphäre, sondern der Journalisten. Und ich sehe sehr wohl, dass Themen aus Blogs aufgegriffen werden, nur nicht zwingend Themen aus deutschen Blogs (aber dazu später). Der fehlende Link ist eine deutsche Unsitte, das lernen die aber unter Umständen auch noch. Und wenn nicht, dann eben nicht.

Chris schreibt bei F!xmbr wiedermal jede Menge Unsinn und lügt auch ein bisschen (ich hätte zum Beispiel ab jetzt jeden Tag gerne dieses Titelthema der Bild, das auch auf Spreeblick auftaucht - ich lese keine Bild und kann das nicht nachvollziehen, sage aber einfach mal: Lügner!) und haut dann mal wieder in seine Lieblingskerbe, was Don Dahlmann ebenfalls so sieht: „Ich sehe das Problem eher in den Versuchen, Blogs zu monetarisieren“.

Des Rätsels Lösung kann und muss dann in der sogenannten Professionalisierung der deutschen Blogs gesucht werden. Die deutschen sogenannten Top-Blogs tümmeln sich in einer eigenen Vermarktungsagentur, sind in den etablierten Medien präsent. Man könnte jetzt natürlich schlussfolgern, dass die Aushängeschilde der deutschen Blogosphäre sich dem etablierten Journalismus angeglichen haben - inkl. Käuflichkeit.

Das ist Unsinn und da ist mal wieder der Wunsch Vater des Gedankens bzw. Pipi Langstrumpfs „Ich mach mir die Welt, widewidewie sie mir gefällt“. Ich habe beide Postings mehrfach gelesen und ich finde kein einziges stichhaltiges Argument, das beweisen könnte, dass ein Banner irgendetwas damit zu tun haben sollte, dass Blogs in Deutschland nicht wahrgenommen werden (was nicht stimmt, worauf ich aber nochmal genauer eingehe).

„Es fehlt in Deutschland nicht an guten Journalisten, aber die wenigsten nutzen Blogs als eine publizistische Möglichkeit“ schreibt der Don weiter und ich sage: Na, Gott sei Dank! Wir haben bereits genug Journalisten in der Blogosphäre – von Fonsi über Don bis zu Niggemeier – und die sind alle toll auf ihre Art und mehr davon würde ich gar nicht ertragen. Es fehlt was anderes in der deutschen Blogosphäre und dazu komme ich nicht später, sondern jetzt.

Blogs werden in Deutschland sehr wohl von den klassischen Medien wahr- und ernstgenommen, aber das sind die amerikanischen Blogs, von ein paar wenigen Ausnahmen mal abgesehen. Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich bei spOnline kein Artikelchen sehe, dessen Thema ein paar Tage zuvor irgendwo in der amerikansichen Blogosphäre aufpoppte. Und das liegt vor allem daran, dass in Amerika Blogs auch von ihren Machern grundsätzlich ernster genommen werden, als hierzulande. Denn in Deutschland herrscht immer noch die Meinung in einigen Kreisen der Blogosphäre vor, Blogs wären vor allem dazu da, Katzenbilder und schöne Texte über die Fahrt ins Grüne zu posten und es gibt (noch) viel zu wenige Blogs, die Postings bringen, die eben auch für Menschen interessant sind, die keine Verwandten sind oder literarisch interessiert. Es geht also letztlich um interessanten Content und nicht um irgendwelche Banner.

Und wenn Fonsi mit seiner Bayernkeule alles und jeden niedermacht, nur um einem hinterher in den Kommentaren erzählen zu wollen, er säße ja ganz cool unterm Baum am Wasser oder wenn F!xmbr pathetischen Blödsinn vom Ende von allem posten, dann ist das nicht nur schrecklich peinlich, sondern auch schrecklich uninteressant. Und Robert Basic, bei aller Liebe – man kennt sich und ich mag ihn, privat –, hat die grausamste Schreibe unter der Sonne und macht schonmal Headlines wie „Sodele“, was einem Außenstehenden auf das Nummer Eins-Blog schauen und die Hände über dem Kopf zusammenschlagen lässt. Wenn Leute ihr Blog dergestalt ernst nehmen, dass sie es als Waffe oder zur Selbstbeweihräucherung benutzen oder mit schrecklich stillosen Content ausstatten (und im neuen Spielzeug, dessen Titel bei BoingBoingTV geklaut ist, einen Blogger vom äußerst rechten Rand featuren), dann ist es kein Wunder, wenn man sich von deutschen Blogs ab- und denjenigen zuwendet, die Blogs als Medium ernstnehmen. Nämlich den amerikanischen.

Ich frage mich – und zwar schon seit ich mit diesem Dings angefangen habe –, warum ich eine ganze Weile eins der wenigen Blogs war, die sich den wundervollen, strangen, hübschen und schönen Dingen angenommen hat, die da draußen durchs Netz schwirren. Den Internet-Memes, der Fotografie, Design, Musik... dem ganzen tollen Kram da draußen eben. Das findet man in amerikanischen Blogs haufenweise, hierzulande machten das eine ganze Zeitlang nur die Popnutten, Spreeblick, icke und wenige andere. Das ist (für mich) der interessante Content, das rockt, das macht Spaß und bringt einen manchmal sogar zum nachdenken. Fonsi tat solche Blogs neulich mal verächtlich als „Mashup-Blogs“ ab, was eine treffende Bezeichnung ist, der Ton kann allerdings nur von jemandem stammen, der dem Netz an sich eher ablehnend gegenüber steht. Es gibt wunderbaren Scheiß da draußen und ein Blog ist ein wunderbares Medium, um diesen Scheiß weiterzugeben.

Was amerikanische Blogs anders und damit in meinen Augen besser machen, sind vor allen Dingen zwei Punkte:

1.) Sie schreiben genau, was sie meinen.
Sie texten nicht bunt rum und erzählen erstmal eine lange Geschichte von der Fahrt ins Grüne, bevor sie dann schließlich dazu kommen, diesen Link zu posten, um den es eigentlich geht. Ein Beispiel von Jason Kottke: „NY Times columnist David Carr has written a book about his days as a junkie“. Ein Satz, der exakt benennt, um was es geht. In Deutschland stünden da drei Absätze mit einem Erfahrungsbericht mit den Junkies vor'm Hauptbahnhof.

2.) Sie schreiben passive Headlines.
Ich bin von einem Kommentator (Hi Jess! ;) mal schön angepisst worden, dass ich das mittlerweile ebenfalls mache, aber es hat einen Grund und der ist nicht SEO-Gewichse. Als Blog muss man sich immer klarmachen, dass man nicht das Zentrum of teh Web ist, sondern nur ein Item in einer Liste in einem Feedreader und Headlines wie „Sodele“ oder „Whooohoo!“ klicke ich mit einem ziemlich schlechten Gefühl bei der Sache an, weil mich die Postings in 90% aller Fälle schlicht nicht interessieren. Das kann man vermeiden und die Lösung sind passive Headlines: wenn ich ein Video von japanischen Mädchen poste, die als Stromtrooper verkleidet Limbo tanzen, dann schreibe ich das genau so in die Headline. Damit erspare ich nämlich allen Leuten, die weder mit Limbo noch mit Star Wars noch mit japanischen Mädchen was anfangen können, einen sinnlosen Klick und verschwendete Zeit.

Wenn Don und Chris von „funktionierenden“ Blogs reden, dann meinen sie damit ja auch Erfolg, wobei man natürlich streiten kann, was Erfolg bei Blogs bedeutet. Meistens kommt dann das (ein wenig metaphysische) Argument, wenn man nur einen Menschen mit seiner Geschichte oder dem Posting berührt habe, dann wäre das ein Erfolg. Ist es ja auch, aber im Zusammenhang mit „Funktion“ ist Erfolg dann doch eher klassisch zu sehen. Zahlen. Ich weiß: gähn. Deshalb mache ich's kurz, auch, weil ich ja nur meine eigenen Zahlen habe und die haben sich seit einem Jahr verdreifacht – und das in den durchschnittlichen Zahlen, nicht in den Spitzen. Erfolg? You fucking bet.

Das ergibt sich aus dem (in meinen Augen natürlich) interessanten Content (geiler Scheiß eben) und einer recht hohen Postingfrequenz. Dauerhaft, konsequent und immer den Cool Stuff raushauen, der unter meinem Logo steht. Ich mag das und mir macht diese Art zu bloggen jede Menge Spaß und im Gegensatz zu Dons Behauptung, Agenturen würden sich nicht für Blogs interessieren, kriege ich praktisch täglich mehrere Mails aus PR-Agenturen mit irgendwelchen Angeboten, von denen ich 99% ablehne bzw. einfach lösche. (Soviel übrigens zu Chris' Blödsinn von wegen: „Der Nerdcore-Rene schaltet mittlerweile fast für den Hans und Franz Werbung und macht fast bei jedem Werbemist mit“. Er hat ja nichtmal die Eier, einen Trackback zu setzen, damit man auch mitbekommt, dass über einen geschrieben wird, aber so isser eben, unser Chris.)

Das alles soll wirklich kein Eigenlob sein, aber: Nerdcore funktioniert. Genauso wie andere Blogs funktionieren und gottseidank gibt es mittlerweile schöne Beispiele für Blogs in Deutschland, die thematisch eher in meinem Bereich angesiedelt sind – aber dass ich die super finde, liegt in der Natur der Sache, wenn sie thematisch verwandt sind – und die langfristig größere Rollen in der Blogosphäre spielen werden oder können, weil sie genau die von mir angesprochenen Dinge richtig machen. Als Beispiele seien hier nur mal der Stylespion und Nomnomnom erwähnt.

Zusammengefasst könnte man sagen: dass manche Blogs in Deutschland nicht funktionieren, liegt vor allem daran, dass manche Blogger zu oft über Blogs schreiben oder aber Katzenbilder posten und in beiden Fällen ein „Hui“ als Headline verwenden, was auf seine Weise klasse ist – denn ich bin keiner, der anderen Leuten vorschreibt, wie sie bloggen sollen. Das können andere viel „besser“.

Tags: Blogs

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