EU-Abstimmung: Copyright-Verlängerung auf 95 Jahre (UPDATE)

Gepostet vor 8 Jahren, 1 Monat in Misc Politics Share: Twitter Facebook Mail

Heute (!) will die EU darüber abstimmen, das Copyright für Tonaufnahmen von bisher 50 Jahren auf 95 Jahre zu verlängern. Gefunden habe ich dazu, außer bei BoingBoing, nichts. Nichtmal bei heise und in den klassischen „Qualitäts“-Medien (zu deren tollen Online-Methoden man sich diesen Artikel von Stefan Niggemeier durchlesen sollte) sowieso nicht. Aber von denen ist man diesbezüglich ja auch nix anderes gewohnt und ich sag' einfach mal: liebe Journalisten, macht endlich euren verfickten Job und informiert die Menschen über den ganzen Copyright- und Überwachungs-Mist, der durch die EU-Hintertür in die Gesetzgebung eingeschleust werden soll. Die Ignoranz gegenüber diesen Themen, die auf lange Sicht gehörig in das alltägliche Leben der Menschen eingreifen werden und stellenweise tatsächlich verfassungsfeindlich sind, geht mir gehörig auf den Sack. Es gibt einen Grund, warum es Blogs gibt. Dieser ist einer davon.

Jedenfalls: die EFF hat eine Petition gegen das Vorhaben, das Urheberrecht auf 95 Jahre zu verlängern und ich hab' die eben unterschrieben. Ich bin ja der Meinung, dass Urheberrechte in digitalen Zeiten nichtmal mehr eine Woche lang gelten, wenn man von den technischen Gegebenheiten ausgeht. Aber that's just me.

Tonaufnahmen sind derzeit 50 Jahre urheberrechtlich geschützt. Eine unabhängige Untersuchung im Auftrag der britischen Regierung ("Gowers review") kam zu dem Ergebnis, die Schutzzeit soll bei 50 Jahren bleiben. Trotzdem verlangt die Musikindustrie eine Verlängerung der Schutzfrist. Eine solche Verlängerung wäre jedoch Unrecht gegenüber den europäischen Musikern und der Musikkultur und könnte wirtschaftlich schädlich sein.

Wenn Sie auch der Ansicht sind, dass die urheberrechtliche Schutzfrist für Tonaufnahmen bei 50 Jahren bleiben sollte, unterschreiben Sie bitte unsere Petition.

Urheberrecht ist ein Abkommen: im Gegenzug für ihre Investition in die Schaffung und Verteilung von Tonaufnahmen erhalten die Inhaber des Urheberrechts ein zeitlich begrenztes Monopol, welches ihnen die erlaubt, die Nutzung dieser Aufnahmen zu kontrollieren. Dazu gehört auch das Recht, die unauthorisierte Nutzung der Aufnahmen zu unterbinden. Wenn aber die Schutzfrist abgelaufen ist geschieht mit ihnen das selbe wie mit den Werken von Goethe, Hugo und Shakespeare und was mit aller menschlicher Kultur geschehen sollte: sie werden gemeinfrei. Praktisch gibt es zur Zeit auf Grund wiederholter Fristverlängerungen und der verhältnismäßig kurzen Zeit, in der Tonaufnahmen technisch möglich sind jedoch keine lizenzfreien Tonaufnahmen.

Diese Situation wird sich ändern, da die Tracks aus dem ersten goldenen Zeitalter der Tonaufnahme das Ende ihrer urheberrechtlichen Schutzfrist erreichen. Die Allgemeinheit kann dann von ihrem Teil des Abkommens profitieren. Wegweisende Soul-, Reggae- und Rock'n'Roll Aufnahmen werden bald von den rechtlichen Nutzungsbeschränkungen befreit, sodass sie von jedem (natürlich auch von den Künstlern und ihren Erben selbst) erhalten, neu aufgelegt oder geremixt werden können.

Die großen Plattenfirmen wollen jedoch ihre Kontrolle über die Tonaufnahmen weit über die derzeit zugesicherten 50 Jahre ausweiten, um weiterhin Gewinn mit den wenigen Stücken zu machen, die noch ein halbes Jahrhundert nach ihrer Aufnahme kommerziell verwertbar sind. Verschiebt sich jedoch das Gleichgewicht des Urheberrechts zu ihren Gunsten wird dies der Musikindustrie als Gesamtheit schaden, wie auch den Künstlern, Wissenschaftlern, Bibliotheken, Unternehmen und natürlich der Allgemeinheit.

Link

[update] Die Meldung ist endlich auch bei heise angekommen. (Danke Friedenspanzer!)

Die EU-Kommission schlägt vor, die Schutzfrist für Tonaufnahmen und Tonträger von derzeit 50 auf 95 Jahre zu verlängern. Der Vorschlag geht auf eine Initiative des Binnenmarktkommissars Charlie McCreevy zurück, der damit das Einkommen der Künstler sichern will. "Eine 95-jährige Schutzdauer würde verhindern, dass ausübende Künstler, die im Alter von 20 Jahren Platten aufgenommen haben, bei Erreichen ihres 70. Lebensjahres einem plötzlichen Einkommensausfall gegenüberstehen", erläutert die EU-Kommission in einer Mitteilung. Bei den betroffenen Rechten handelt es sich um Leistungsschutz-, nicht um Urheberrechte. Urheberrechte genießen einen Schutz von 70 Jahren ab dem Tod des Urhebers, während die Leistungsschutzrechte ab Veröffentlichungsdatum eines Werkes gelten. McCreevy empfindet diese Differenz als unsachgemäße Ungleichbehandlung.

Tags: Copyright Music-Industry

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