J.U.S.T.I.C.E.s Pressemitteilung zum „Stress“-Video

J.U.S.T.I.C.E. sahen sich, in meinen Augen zu Unrecht, dazu genötigt, im Zuge der Diskussion um ihr (diskussionswürdiges) Video zu „Stress“ eine Pressemitteilung hinterherzuschieben. Übersetzung, Text und Bild via Spex.

Die Idee für den Video Clip »Stress« war: einem im Radio unverbreitbaren Titel einen am Fernsehen unverbreitbaren Clip zu schenken. Wir hatten keinerlei Zwänge, denn wir wollten keinen »verbreitbaren« Clip machen, wir haben uns dementsprechend mit diesem Video alle Freiheiten erlaubt. Nicht um zu schockieren, sondern um die Debatte zu eröffnen, Fragen zu stellen, so wie das Kino, die Literatur oder gegenwärtige Kunst es so oft machen.

Mit dieser Freiheit gehen Risiken einher: falsch interpretiert oder selbst instrumentalisiert zu werden.

Wir haben den Clip erst nur einer Website gegeben (die von Kanye West), da wir überzeugt waren, dass er zu lang, zu heftig, zu wenig konsensuel war, und nur außerhalb der konventionellen Schemen existieren könnte. Wir waren uns dessen bewusst, dass der Clip potentiell sehr umstritten sein würde. Aber wir hätten nicht gedacht, dass die Debatte so weit gehen würde, und dass wir uns im Endeffekt solch schweren Themen gegenüber verantworten müssten.

Die massiven Probleme bei der Rückgewinnung des Clips innerhalb weniger Stunden hat uns daran erinnert, wie schwer es heute ist, den Bestimmungsort der Bilder und die Integrität ihres Inhalts zu kontrollieren. Wir haben weder die Absicht noch die Legitimität tiefgehend über soziale Probleme zu sprechen.

Dieser Film wurde nie als eine Stigmatisierung der Vororte, oder als eine Gewaltaufhetzung betrachtet. Und noch weniger, um eine verdeckte Art von rassistischer Botschaft zu vermitteln.
Dieser Clip wurde nie zensiert. Wir haben vom Anfang an die Entscheidung getroffen, alle Fernsehübertragungen zu verweigern, um niemandem mit dem Clip zu konfrontieren.
Wir haben immer dem Zuschauer die Wahl gelassen, dieses Video anzuschauen oder es zu ignorieren. Wir haben nie versucht, seine Gedanken zu beeinflussen, weil wir der Meinung sind, dass dies nicht die Rolle der Kunst und der Unterhaltung ist.

Gaspard & Xavier, JUSTICE

An dieser Mitteilung stört mich ein Satz ganz, ganz gewaltig:

Wir haben weder die Absicht noch die Legitimität tiefgehend über soziale Probleme zu sprechen.

Seit wann hat eine Band oder ein Act und ihre Kunstwerke (und da schließe ich Musikvideos absolut ein) keine Legitimität, tiefgehend über soziale Probleme zu sprechen? Was ist das denn für ein Selbstverständnis? Das ist genauso bescheuert, wie Menschen, die schlechte Filme deshalb gut finden, weil es ja „nur eine Comic-Verfilmung“ ist und beides hat seine Ursachen in einem typisch deutschen Phänomen: genau wie Comics werden Musikvideos nicht als Kunstform begriffen. Allenfalls als Marketingvehikel, was auch bei mir in den Comments zu einigen Anfeindungen gegen Justice führte.

Selbstverständlich sind Musikvideos eine Kunstform, einzuordnen zwischen Kurzfilm und Songs eben. Und als solche können sie selbstverständlich gesellschaftlich relevante Fragen zum Thema haben. Dass sie diese Themen wegen der ihnen immanenten Promo-Funktion auch kommerziell auswerten spielt keine Rolle, das tut jedes Buch mit Botschaft ebenso.

Ich weiß auch nicht, wie spOnline-Autor Johannes Gernert auf die Ideen kommt, die er in seiner stellenweise schlicht schlechten Analyse des Videos verbreitet. Da heisst es zum Beispiel, dass die Inszenierung erst am Schluß aufgelöst würde, der Zuschauer also zu Beginn ein Teil der Gruppe wäre. Unfug. Die Inszenierung zeigt die Gruppe immer von einem externen Blickwinkel. Aber, ja: die Inszenierung ist überaus realistisch, wenn man so will. Eine Sicht aus der Gang heraus wie etwa bei Cloverfield oder Blair Witch funktioniert allerdings anders. Merke: eine subjektive Kamera macht noch lange keine subjektive Sicht der Dinge.

Ich wiederhole mich nochmal: ich finde das Video großartig, weil es unbequem ist, weil es zwickt, weil es eben auch Fragen stellt. Wie gehen wir mit dem Agressionspotential mancher Schichten (wie ich dieses Wort hasse) um? Dass es da ist, daran besteht kein Zweifel. Und das darf man sagen. Auch, wenn man nur ein blödes, kommerzielles, banales Musikvideo ist.