Offener Brief der Musikindustrie an die Kanzlerin zum Tag des geistigen Eigentums - und meine Antwort

Gepostet vor 8 Jahren, 3 Monaten in Misc

Da mir der Musikmarkt den offenen Brief eben per Mail geschickt hat und ein offener Brief ja wohl mal ein offener ist, hier ausnahmsweise mal ein Vollzitat aus dem Teil, das morgen heute die FAZ, die SZ und die TAZ verunstalten wird verunstaltet.

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,
morgen ist der Tag des Geistigen Eigentums. Als Komponisten und Musiker, Schriftsteller und Verleger, als Schauspieler und Filmemacher begrüßen wir es sehr, dass mit diesem Tag das Bewusstsein für den Wert geistigen Eigentums gestärkt werden soll. Denn leider müssen wir täglich mit ansehen, wie das Recht auf einen angemessenen Schutz unserer Werke missachtet wird. Vor allem im Internet werden Musik, Filme oder Hörbücher millionenfach unrechtmäßig angeboten und heruntergeladen, ohne dass die Kreativen, die hinter diesen Produkten stehen, dafür eine faire Entlohnung erhalten.

So wurden allein im vergangenen Jahr in Deutschland über 300 Millionen Musikstücke illegal aus dem Internet heruntergeladen. Zehnmal mehr, als legal verkauft wurden. Mehrere Millionen Menschen bedienen sich regelmäßig aus Internet-Tauschbörsen und anderen illegalen Quellen im Netz. Und obwohl damit nicht nur die Betroffenen, sondern auch die Allgemeinheit durch Steuerausfälle und Arbeitsplatzverluste geschädigt werden, schaut der Staat bisher nahezu unbeteiligt zu.

In China setzen Sie sich vorbildlich für die Interessen der deutschen Industrie beim Thema Produktpiraterie ein. Bitte tun Sie das auch in Deutschland für mehr Respekt vor dem Schutz geistigen Eigentums. Denn als einziger Weg, sich zur Wehr zu setzen, bleibt Künstlern, Kreativen und den beteiligten Industrien bisher nur die Möglichkeit, gegen die Anbieter illegaler Produkte juristisch vorzugehen. Geistiges Eigentum ist aber – so hat es der Chef des gleichnamigen Bilderimperiums Mark Getty einmal formuliert – das Öl des 21. Jahrhunderts. Dahinter verbirgt sich die Erkenntnis, dass die Kultur- und Kreativwirtschaft schon heute und vor allem in Zukunft Motor für Wachstum und Wohlstand ist. Ohne Musik und Hörbücher bräuchten wir keine iPods, ohne Filme keine Flachbildfernseher, ohne Breitbandinhalte keine schnellen Internetzugänge.

So entfallen allein 70 Prozent des Internetverkehrs in Deutschland auf die – leider meist illegale – Tauschbörsennutzung. Aber während beispielsweise die milliardenschwere Telekommunikationsindustrie massiv von der Nutzung illegaler Inhalte profitiert, verweigert sie beim Schutz geistigen Eigentums die Verantwortung. Auf europäischer Ebene erkennen immer mehr Länder, dass die massenhafte individuelle Rechtsverfolgung im Internet nur eine Zwischenlösung sein kann und technologischer Fortschritt und der Schutz geistigen Eigentums nicht im Widerspruch zueinander stehen dürfen. Frankreich und England gehen hier mit beispielhaften Initiativen voran. Dort sind Internetprovider sowie die Musik- und Filmindustrie aufgefordert, unter staatlicher Aufsicht gemeinsam mit Verbraucher- und Datenschützern Verfahren zum fairen Ausgleich der Interessen aller Beteiligten zu entwickeln.

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, wir wissen, dass auf einem solchen Weg viele politische und rechtliche Hürden zu überwinden sind. Deshalb bitten wir Sie: Nehmen Sie sich dieses Themas an und machen es zur Chefsache. Denn während etablierte Künstler noch von den Erfolgen der Vergangenheit zehren können, trifft die Internetpiraterie vor allem junge Nachwuchstalente. Langfristig wird so die kulturelle und kreative Vielfalt in unserem Land abnehmen und wir verspielen eine unserer wichtigsten Zukunftsressourcen.

Hier meine ebenso offene, frei kopierbare, im Internet ohne DRM-Fuck und unter CC-Lizenz liegende Antwort:

Liebe Musikindustrie,
schon seit Jahren schreibe ich mir im Internet die Finger wund um darauf hinzuweisen, dass der technologische Fortschritt im Internet mit Ansprüchen, die sich aus dem Term „Geistiges Eigentum“ ergeben, und den herkömmlichen Top-Down-Geschäftsmodellen nicht vereinbar ist und ich könnte es kurz machen und einfach schreiben: „Was kann ich für euer geficktes Businessmodell?“ Was letztlich viel cooler und knackiger wäre, aber irgendwie habe ich wirklich Lust, etwas weiter auszuholen. Dass ich mich dabei wiederhole, weil dieses Thema ständiger Begleiter von Nerdcore ist, ist mir völlig Wuppe. Lesen Sie das hier also als so einen Nerdcore-Copyright-Tag-Remix.

Zunächst hatten Sie es sehr leicht. Da standen in den Neunzigern hier und da die Server rum, da hatte jemand die Verantwortung dafür und wenn da böse MP3s drauf lagen, verklagte man den halt ordentlich. Und dann kam 1998 Napster, die erste Software, die eine neue Technologie namens P2P begründete und die es den Nutzern erlaubte, nicht mehr auf einen zentralen Server zuzugreifen, sondern sich gegenseitig tolle Musik zu schicken. Unerhört! Leider, leider lagen die Informationen der Dateien bei Napster, weshalb man es in Grund und Boden klagte. Anstatt sich einer funktionierenden Technologie zu bedienen und sie zu monetarisieren, haute man sie kaputt. Kann man so machen, man darf sich dann aber nicht über das Ergebnis wundern. Weil, wissense, die Internet-Leute sind ja nicht blöd.

Die programmierten nämlich schwuppsdiwupps Software, die nirgends mehr irgendwelche Dateien oder Infos zentral hostete und die deshalb für Sie, sehr geehrte Musikindustrie, leider unfickbar wurde. Seitdem weinen Sie bittere Tränen und weil Sie so bitter weinen, hat die Bundeskanzleuse schon 2006 auf dem tollen G8-Gipfel versprochen, etwas zu tun. Und die Politik hat ja auch viel für Sie getan in letzter Zeit. Zum Beispiel ist nicht nur mehr der Upload geschützter Werke strafbar, sondern auch der Download (und um den geht es Ihnen ja auch schließlich, nicht wahr?) Noch dazu haben sie die zweifelhafte Vorratsdatenspeicherung durchgewunken, wobei Ihnen gleich das Wasser im Mund zusammengelaufen ist und siehe da: Sie sollen tatsächlich Zugang zu Verbindungsdaten erhalten. Na, das ist doch was, oder? Da kann man sich doch mal ein bisschen freuen und ich verstehe nicht so recht, warum Sie im Eingangs zitierten Brief immer nichts als weinen. Naja, vielleicht ahnen Sie ja bereits das Fazit dieses Artikels, den ich nun auch mal so langsam ausklingen lassen will, denn ich möchte mich und meine Leser nicht ständig mit Themen zu Copyright und Musikindustrie langweilen. Ich mach's jetzt kurz, okay?

Restlos alle ihre Bemühungen, Internet-Piraterie zu unterbinden sind gescheitert und werden weiterhin scheitern. Hören Sie endlich auf, sich in Ihrer beknackten Opferrolle heimisch zu fühlen und gleichzeitig zu behaupten, die Zahlen der P2P-Nutzer würde sinken. Denn es stimmt nicht. Monetarisieren Sie endlich die vorhandene, funktionierende und vor allem einfache Technologie und machen Sie Schluß mit ihren Bemühungen, den Nutzern umständliche, proprietäre und indiskutable Lösungen zu präsentieren. Es tut mir ja leid, dass die Zeiten vorbei sind, als Sie darüber bestimmten, wie und wann Musik gehört wurde. Get over it!

Kopieren Sie die Piraten! Warner, ein Vertreter Ihrer Spezies ist da schon einen Schritt weiter. Gehen Sie mit, machen Sie Vorschläge und beschäftigen Sie sich endlich mit dem Netz. Es ist nicht böse, glauben Sie mir: wir wollen nur spielen. Und tauschen. Machen Sie was draus. Sie werden nicht daran zu Grunde gehen, versprochen. Sie werden sich nur verändern.

[update] Heise hat die Anzeige mit allen Unterzeichnern.

[update2] Hier die Liste der Unterzeichner, danke für's abtippen, Karsten.

2raumwohnung, Daniel Acht, Fatih Akin, Götz Alsmann, Stefan Arndt, Bob Arnz, Uli Aselmann, Andreas Auth, Lutz Bandte, Wolf Bauer, Claudia Baumhöver BAP, Dr. h.c Wolfgang Beck, Christian Becker, Oliver Berben, Christoph Biermann, Julia Boehme, Claus Boje, Ranja Bonalana, Dr. Jörg Bong, Prof. Dr. Heinrich Breloer, Silke Brix, Till Brönner, Burkhard Brozat, Prof. Christian Bruhn, Francesco Bruletti, Anni Brunner, Detlev Buck, Sven Burgemeister, Leander Carell, Yvonne Catterfeld, Roger Cicero, Culcha Candela, Jakob Claussen, Caroline Dabue, Samy Deluxe, Renan Demirkan, Joy Denalane, Helmut Dietl, Die Labbese, DJ Ötzi, Klaus Doldinger, Bernd Eichinger, EL*KE, Peter Eötvös, Jörg Evers, Dieter Falk, Dr. Wolfgang Ferchl, Axel Fischer, Helene Fischer, Uschi Flacke, Julia Franck, Egon L. Frauenberger, Amelie Fried, Molly von Fürstenberg, Joseline Gassen-Hesse, Hans W. Geißendörfer, Bijan Ghawami, Dr. Peter Gölitz, Ulrich Granseyer, Herbert Grönemeyer, Ludwig Güttler, Till Hagen, Martin Hagemann, Kirsten Hager, Klaus Hanslbauer, Titus Häusermann, Peter Heppner, Max Herre, Gerd Hesse, Sabine Hirler, Mischa Hofmann,Dr. G.-Jürgen Hogrefe, Höhner, Dr. Gottfried Honnefelder, Klaus Humann, Viola Jäger, Christoph John, Juli, Udo Jürgens, Dr. Joachim Kaps, Ewa Karlstroem, Andreas Langenscheidt, Toni Kater, Joachim Kaufmann, Georg Kessler, Dietrich zu Klampen, Klaus&Klaus, Alexander Klaws, Patrick Knippel, Astrid Lollex, René Kollo, Meike Kordes, Harald Kügler, Mickie Krause, Joachim Król, Michael Krüger, Dieter Thomas Kuhn, Peter Lackner, LaFee, Prof. Ulrich Limmer, Udo Lindenberg, Peter Lohmann, Annett Louisan, Peter Maffay, Manfred Mai, Martin May, Helge Malchow, Marquess, Marc Marshall, Jens Meurer, Reinhard Mey, Kari Meyer, MIA, Michael Mittermeyer, Monrose, Martin Moszkowicz, Christoph Müller, Nobelpenner, Oomph!, Margit Ostewold, Erick Öxler, Wolfgang Pampel, Stefan Peters, Dr. Joerg Pfuhl, Uli Putz, Thomas Quasthoff, Rabaue, Karl-Klaus Rabe, Frank Ramond, Reamonn, Uschi Reich, Aribert Reimann, Steffen Reuter, Revolverheld, Dr. Andreas Richter, Prof. Dr. h.c. Wolfgang Rihm, Rosanne Rocci, Hilke Rosenboom, Ursula Rosengart, Rosenstolz, Jennifer Rostock, Dr. Christian Rotta, Sasha, Prof. Dr. Enjott Schneider, Philipp Schepmann, Schiller, Monika Schlitzer, Jörg Schlönvoigt, Bernhard Schmid, Kim Oliver Schmidt, Dr. Patricia Scholten, Walter Scholz, Barbara Schöneberger, Atze Schröder, Hermann Schulz, Dr. Susanne Schüssler, Jan Schütte, Til Schweiger, Scooter, Seeed, Mark von Seydlitz, Rodion Shchedrin, Ralph Siegel, Söhne Mannheims, Martin Spencker, Tom Spieß, Dagmar Stehle, Dr. Jörg D. Stiebner, Ulrich Stiehm, Dr. Henning Stump, Alexander Thies, Tokio Hotel, Imre Török, Judy Tossell, Matthias Ulmer, Andreas Ulmke-Smeaton, Ulla Unseld-Berkéwich, Philip Voges, Prof. Lothar Voigtländer, Neele Vollmar, Dr. Ralf Weigand, Stefan Waggershausen, Peter Wackel, Wagner Love, Joachim Weidler, Max Wiedemann, Ursula Woerner, Johanna Wokalek, Sönke Wortmann, Peter Zenk und Tom Zickler haben diesen Brief unterschrieben.

[update3] Eine weitere Runde fremdschämen gefällig? Die IFPI hat im Zuge Ihrer Kampagne für geistiges Eigentum ein paar ihrer Hupfdohlen zu Wort kommen lassen (via). Zum Beispiel Monrose. Oder Gülcan. Und das die Brote die ziemlich verarschten, haben sie bei der IFPI auch nicht mitgekriegt.

Tags: Copyright Music-Industry

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