Blogs und das Urheberrecht

Kurz bevor wir von der Re:publica aufbrachen, schwatzte ich nochmal zwei Minuten mit Markus Beckedahl, während der er sich wunderte, warum er und ich so ziemlich die einzigen zwei Blogger sind, die immer und immer wieder auf den immer deutlicher werdenden Gegensatz zwischen Urheberrecht und Internet hinweisen. Seit dem er das gesagt hat, wundere ich mich auch.

Natürlich kann man sich dem Gegensatz von Urheberrecht und Internet verweigern und sagen: „Das Gesetz ist nunmal so und das Web ist kein rechtsfreier Raum.“ Damit verweigert man dann aber eben auch die Realität, denn das Internet ist aufgrund seiner system-immanenten Internationalität durchaus sowas wie ein rechtsfreier Raum. Was hierzulande unter das Urheberrecht fällt, wird in den USA unter Fair Use gehandelt und den Russen ist beides herzlich egal. Aber das ist lediglich der juristische Aspekt der Geschichte und der interessiert mich davon noch am allerwenigsten.

Was mich wirklich interessiert: wenn ein Remix eines Kulturguts mit nur einem Klick erstellt werden kann, wenn digitale Güter, Musik, Filme mit 0 Kosten millionenfach als Kopie verbreitet werden können, wenn die Kopie dem Original exakt entspricht und das Original so praktisch obsolet wird, ist es dann nicht ganz einfach so, dass die technischen Gegebenheiten die Rechtssprechung mal eben links überholt hat?

Natürlich kann man immer noch sagen, dass das Urheberrecht nunmal gegeben sei und überhaupt wäre das doch alles ganz und gar unfair. Ich schätze mal, so ähnliche Dinge haben die Mönche damals ebenfalls gesagt, als der Ur-Pirat Gutenberg die beweglichen Lettern erfand und sich erdreistete, 1457 die Gutenberg-Bibel zu drucken. Ganz einfach, weil er es konnte. Das muss furchtbar gewesen sein für die Mönche, die von heute auf morgen arbeitslos waren. Ist eben schon scheiße, der technologische Fortschritt.

Vielleicht ist der technologische Fortschritt der Neuzeit, und wahrscheinlich sind die Dinosaurier und Rechteverwerter deshalb eher ratlos, auch user generated Fortschritt. Die Technologie P2P wurde von Freaks für Freaks entwickelt. Der Nutzer muss heute nicht mehr die Angebote nutzen, die ihm die Industrie vorwirft. Und er tut es auch nicht. Von DRM bis proprietären Musik-Shops sind alle Anstrengungen gescheitert und die Herren stehen vor einem Riesenhaufen Technologie, den sie nicht verstehen und der ihr Geschäftsmodell ruiniert. Na klar will man den dann verbieten, alleine: das funktioniert nicht.

Die Möglichkeit der digitalen Kopie on a click kombiniert mit der weltweiten Kommunikation in der Geschwindigkeit, die die Backbones hergeben, haben ein genauso, wenn nicht viel tiefgreifenderes revolutionäres Potential wie der Buchdruck seinerzeit. Das Urheberrecht steht dem in seiner jetzigen Form entgegen. Und das geht jeden einzelnen von uns an.

Und genau deshalb verstehe ich nicht, warum Markus und ich die einzigen sind, die da immer wieder drauf hinweisen.

Mir ist vollkommen klar, dass es viele, viele Blogs gibt, die sich mit dem Thema beschäftigen. Johnny, Herr Shhh und IP-Notiz bringen da auch immer wieder etwas zu, von BoingBoing und ArsTechnica ganz zu schweigen. Dennoch ist das Thema in der deutschen Blogosphäre meiner Meinung nach enorm unterrepräsentiert. Warum?