What about the Artist? vs Musikblogs retten die Musikindustrie

Gepostet vor 8 Jahren, 4 Monaten in Misc

Ich sollte bei all den Artikeln und Postings über den Niedergang der Musik-Industrie mal eines vorausschicken: ich finde es durchaus bedauernswert, dass eine Industrie, die einmal als die kreativste aller Industrien galt, grade die Grätsche macht. Wobei man an dieser Grätsche durchaus Zweifel haben kann, wenn man bedenkt, dass die Einnahmen aus Konzerten, Merchandising und Lizenzierungen steigen (Link dazu müsste ich, bei Bedarf, raussuchen). Dennoch: sie haben die technologische Entwicklung verschlafen und dann zu behäbig in der digitalen Welt reagiert und genau das ist das schlimme: sie haben reagiert - nicht agiert. Reagiert haben sie mit unbrauchbaren Angeboten und Abmahnungen, was ihnen einen noch schlimmeren Ruf als Versicherungen eingehandelt hat. Und das will mal wirklich was heißen. Jedenfalls:

Herr Shhhh hat einen interessanten Text über den Niedergang der Musik-Industrie am Start und stellt da ein paar durchaus berechtigte Fragen, auf die ich vielleicht die ein oder andere Antowrt parat habe. Zunächst mal die zwei Meldungen, an denen er den Artikel aufhängt:

1. 48% aller Teenager (in den Staaten) haben 2007 genau Null CDs gekauft.
2. Der EMI-Chef höchstselbst erklärt Musik1.0 für tot.

Herr Shhhh meint nicht ganz zu Unrecht dazu:

Natürlich könnte man jetzt den ganzen Tag damit verbringen, Unbekannte bei myspace zu adden, Foren und Blogs zu spammen, das Internet unsicher zu machen. Unabhängig von dem nicht zu unterschätzenden Zeitaufwand, der hinter der Selbstpromo steckt (alles schon erlebt), der einem quasi den Broterwerb kosten würde, stellt sich dann jedoch die Frage, was danach kommt. Fans, schön und gut, aber die Rechnung geht auch 2008 noch nicht auf. Denn obwohl ja alles so super trendy 2.0 im Umbruch ist, zählt auch 2008 immer noch die eine kleine Formel, die dem Newcomer in Deutschland (wohlgemerkt) – sofern er nicht seine Seele an einen A&R verkauft – den Strich durch die Rechnung macht: Ohne Label, kein Vertrieb. Ohne Vertrieb, keine Veröffentlichung (egal wo, ob CD oder Itunes). Ohne Veröffentlichung, kein Konzert. Ohne Konzert, keine Fans. As simple as that.

Stellt sich also die Frage: Was macht man 2008, wenn man Musik macht, die vielleicht nicht nur für den Proberaum und den kleinen Club um die Ecke bestimmt ist?

[...]

Stellt sich mir also die Frage bei dem ganzen Gelächter über die Musik-Industrie: Hat eigentlich mal irgendjemand darüber nachgedacht, was mit den Künstlern ist? Ich mein, ok, das hat die Industrie auch nicht interessiert, aber die ganzen Experten, die sich im Moment darüber freuen, dass es endlich bergab geht, von denen würd ich dann schon mal gerne wissen, wie die sich das vorgestellt haben…

Okay, dann also hier jetzt, wie ich mir das so vorgestellt habe:

Ich stelle die Gleichung „Ohne Label, kein Vertrieb“ gleich mal in Frage. Warum soll das so sein? iTunes bietet die Möglichkeit, eigene Tracks in den Store einzustellen, es werden Tools entwickelt, die das und die CD-Pressung gleich mit übernehmen und einen eigenen Shop bereitstellen:

TuneCore, an inexpensive way for artists to distribute their music through iTunes and other stores, says it will branch out into physical CD distribution on April 1, giving artists another way to hawk tunes.
[...]
Bands will manufacture their own CDs (discount available), set their own prices, and design their own cover art and liner notes. At some point, there will also be an option to pay for CD manufacture with digital revenue. TuneCore will process the orders and ship the CDs, giving 100 percent of sales revenue to the artist. (Wired)

Die HypeMachine scrobbelt mittlerweile Songs an LastFM, wo man mit einem Klick Tracks kaufen (und mit zwei Klicks auch für lau runterladen kann, ich weiß). Auch QTrax, dieses legale P2P-Modell habe ich noch nicht ganz abgeschrieben. Erst gestern hat sich Allen Klepfisz von QTrax zum Desaster von der Midem geäußert. Natürlich: bekannt wird eine Band davon noch lange nicht.

Wir reden hier von Bands unterer bis mittlerer Preisklasse: überschaubarer Fankreis, grade dabei überregional bekannt zu werden, mit dem Potential ein mittlerer bis richtiger Burner zu werden. Wie mache ich sowas also bekannt, wenn die Majors mittlerweile, wie er schreibt, solchen Bands die Tür vor der Nase zuknallen und nur noch auf Tokio Hotel-Klone setzen? Die Selbstpromotion über MySpace und Blogs reicht hier derzeit bei weitem nicht aus, wenn man mehr vorhat. Das ist klar, zumindest im Moment. Das klappt im Ausnahmefall, aber nicht für die Nischenband und das ist ein Problem, in der Tat.

Dazu muss man sich klar machen, dass die ganzen Strukturen grade erst herauswachsen. Musikblogs, die Nischenmusik vorstellen und promoten erreichen mittlerweile zusammengenommen eine relativ große Leserschaft, die Generation, die beim Durchstarten der Netzes 1996 eingeschult wurde, wird dieses Jahr grade mal volljährig. Der Medienwandel hin zum Netz ist zwar im vollen Gange, doch wir erleben davon grade mal den Anfang, das muss man sich immer wieder bewusst machen.

Ich schätze mal, das läuft irgendwann auf eine Mixtur aus MySpace, LastFM und die Hype-Machine in Kombination mit iTunes und dem Amazon-MP3-Store hinaus, die Promotion für Alben und Tracks läuft über tausende mehr oder weniger große Musikblogs (siehe auch Andreas: Musikblogs retten die Musikindustrie), die eben auch musikalische Nischen besetzen können, den non-physischen Vertrieb der Bands, die dort nach oben geschwemmt werden, übernimmt Apple und Amazon, bei Erfolg gibt es ein zusätzliches physisches Signing bei einem der Majors.

Das alles klingt noch sehr diffus und man wird einfach sehen müssen, was bleibt, wenn sich der Staub gelegt hat. Eines ist jedoch mehr als sicher: das Geschäftsmodell des physischen Tonträgervertriebs hat sich in Zukunft als Massenmarkt erledigt und der Vertrieb digitaler Files erfordert ein komplett anderes, weitaus ausdifferenziertes Promotionsmodell, bei dem der Vertrieb der Songs nur einen Bruchteil des Komplettpakets darstellen kann. Für kleine Bands und Labels ist diese Zeit des Umbruchs wahrscheinlich am schwersten, die Majors haben immer noch einen netten Speckgürtel aus den Neunzigern, mit dem sie überleben können. Und große Künstler wie Radiohead oder NIN haben eine ausreichende Fanbase, um notfalls den Vertrieb auch alleine zu stemmen (wie Radiohead 2007 und NIN heute bewiesen haben). Kleine bis mittlere Labels und Bands könnten in diesen Zeiten der Copyright-Wars tatsächlich zwischen den Fronten zerrieben werden.

Deshalb müssen die Labels lieber gestern als heute den Kopf aus dem Sand ziehen (haben sie ja schon längst), neue Technologien adaptieren und endlich einen Weg finden, die P2P-Netze zu monetarisieren, die schon längst der größte Vertriebskanal für Musik geworden sind, ohne dass die auf die Idee kämen, diese funktionierende und etablierte digitale Infrastruktur zu nutzen. Sie könnten sich mit den ISPs auf eine Kulturflatrate einigen, die den Labels genug Geld in die Kassen spülen könnte, um sich wieder auf die Entdeckung und die Promotion neuer Künstler zu konzentrieren. Womit sich die Eingangs gestellte Frage von Herrn Shhhh dann auch gleich mit erledigt hätte.

So, ungefähr, könnte ich mir das alles vorstellen und vielleicht kann man diesen Artikel ganz gut mit einem Zitat von Maria Egan-Cohen, A&R von Columbia Records, zusammenfassen:

The labels used to be successful because they were a monopoly. The exciting thing, not necessarily for us but for everybody else, is that there are other options now. (Wired)

Das Problem frei verfügbarer Kultur im Netz greift natürlich noch viel weiter als Musik, nur dass die Musikindustrie quasi die erste war, die die volle Wucht dieser digitalen Revolution abbekommen hat. Die nächste wird die Filmindustrie sein und wenn eReader endlich vernünftig zu bedienen sind und nicht so unheimlich dämlich aussehen, wie Amazons Kindle, wird sich auch der Literatur-Markt auf einiges gefasst machen müssen. Denn mit digitalen Inhalten lässt sich kein Geld verdienen, zumindest nicht mit dem direkten Verkauf dieser Inhalte an den Rezipienten.

Once a marketing gimmick, free has emerged as a full-fledged economy. Offering free music proved successful for Radiohead, Trent Reznor of Nine Inch Nails, and a swarm of other bands on MySpace that grasped the audience-building merits of zero. The fastest-growing parts of the gaming industry are ad-supported casual games online and free-to-try massively multiplayer online games. Virtually everything Google does is free to consumers, from Gmail to Picasa to GOOG-411.

The rise of "freeconomics" is being driven by the underlying technologies that power the Web. Just as Moore's law dictates that a unit of processing power halves in price every 18 months, the price of bandwidth and storage is dropping even faster. Which is to say, the trend lines that determine the cost of doing business online all point the same way: to zero.

(Wired: „Free! Why $0.00 Is the Future of Business“)

Ein Kumpel meinte diesbezüglich neulich, dass wäre extrem unfair, weil man dem Händler quasi den Preis diktieren würde. Das sei genauso, wie wenn ich zum Autohändler ginge und dem erzählen würde: „Ich nehm das Auto, aber nur für 0 Euro“. Allein, ich gehe nicht zum Händler, sondern das Auto ist an jeder Ecke frei verfügbar, überall steht es da, fahrbereit mit vollem Tank. Weil das das Wesen der Netzes ist: die Kopie.

Fortsetzung folgt. Garantiert.

Tags: Business Copyright DigitalAge Music-Industry p2p

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