Die Musikindustrie im Jahr 2008

Gestern verkündete LastFM sein Streaming-Angebot: 3,5 Millionen Songs kann man nun über die Website streamen und zwar drei mal. Das Angebot ist als solches nicht neu, Napster hatte sowas schon vor einem Jahr mit fünf Hörrunden, allerdings musste man sich im Gegensatz zu LastFM registrieren. Außerdem galt das Angebot nur für die USA. Disclaimer: ich arbeite bei Napster Deutschland als Grafiker und Webdesigner.

Das ist so ersteinmal keine große Sensation, neu ist höchstens, dass es international startet. Aber richtig interessant wird es erst hier:

The soon-to-be announced subscription service will give you unlimited plays and some other useful things. We’re also working on bringing full-length tracks to the desktop client and beyond.

Free full-length tracks are obviously great news for listeners, but also great for artists and labels, who get paid every time someone streams a song. Music on Last.fm is perpetually monetized. This is good because artists get paid based on how popular a song is with their fans, instead of a fixed amount.

We will be paying artists directly.

We already have licenses with the various royalty collection societies, but now unsigned artists can put their music on Last.fm and be paid directly for every song played. This helps to level the playing-field—now you can make music, upload it to Last.fm and earn money for each play. (LastFM Blog)

In diesen paar Absätzen steht ja schon einiges drin:

1.) LastFM wandelt sich von einer reinen Community zum Subscription-Service und tritt damit in direkte Konkurrenz zu den Subskriptionsdiensten (Abo-Modell) von Napster oder Musicload.
2.) Künstler und Labels erhalten einen Teil des Werbekuchens, mit dem LastFM das neue Modell unter anderem monetarisieren will.
3.) Auch ungesignte Künstler können ihre Songs über die Plattform vertreiben.

Vor allem letzter Punkt ist interessant: wenn LastFMs Plan aufgeht, kann sich die Plattform als umfassende Musikvertriebs-Plattform aufstellen, zusammen mit den Links zu Amazon (und zu dem hoffentlich mal bald in Deutschland verfügbaren MP3-Store) ist das eine Harte Nuss für iTunes. Und für die Labels erst recht. Denen entgleitet nämlich der digitale Vertrieb für Musik mittlerweile völlig, weil sie es nicht geschafft haben, annehmbare Alternativen an den Markt zu bringen.

Und was es bedeutet, wenn einer Industrie der komplette und im wahrsten Sinne des Wortes physische Teil wegbricht, kann man sich an zwei Fingern ausmalen und konsequenterweise baut EMI schonmal 2000 Stellen ab und entzieht der RIAA die Gelder. Gleichzeitig brechen die CD-Verkäufe immer weiter ein und ich schätze, 2008 wird das Jahr, in dem der physische Umsatz dem digitalen nicht mehr besonders viel nehmen wird. Und 2009 dürfte der digitale Musikmarkt mit dem physischen dann entgültig gleichziehen.

Weltweit wurde im vergangenen Jahr Musik für 2,9 Milliarden US-Dollar (2 Milliarden Euro) über digitale Kanäle verkauft. Das entspricht einem Umsatzwachstum von 40 Prozent im Vergleich zu 2006 (2,1 Milliarden US-Dollar. Weltweit wurden 1,7 Milliarden Musiktitel heruntergeladen, 53 Prozent mehr im Vergleich zu 2006. Damit hat sich der Anteil des digitalen Vertriebs am globalen Musikgeschäft im vergangenen Jahr von 11 auf 15 Prozent gesteigert. Diese noch geschätzten Zahlen gehen aus dem Jahresbericht Digitale Musik 2007 (PDF-Datei) hervor, den der internationale Verband der Phonoindustrie (IFPI) am heutigen Donnerstag in London vorstellte. (heise)

Die Labels werden nach den wahnsinnigen Neunzigern nun von einer neuen Technologie gesundgeschrumpft, die den Markt komplett auf den Kopf stellt. Nicht mehr irgendwelche A&Rs entscheiden über Releases, sondern die Community und der Download.

For 50 years the major labels have thought of themselves as guardians of the music industry; in fact they've been its bouncers. Getting into the club used to be highly desirable. Now it doesn't matter any more.

For artists and managers, this is the moment to take things into their own hands. Artists no longer need to be held for 10 years and they no longer need to sign away ownership of their recorded copyrights. These days, an artist working closely with his manager can ensure that everything is done in the artist's best interest. Majors have never done that. And never will.

Simon Napier-Bell (wikipedia) in einem sehr, sehr langen und sehr, sehr guten Artikel über die Geschichte der Major Labels und ihre Zukunft.

Beziehungsweise: ihre „Zukunft“.