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Jugendgewalt und Perspektiven

1. Ich bekomme auf die Fresse, 1988, bei irgendso einem Schuldiscoblödsinn.
Weil ich den Fehler machte, einen Typen vor mir anzurempeln, gibt der mir eine wuchtige Kopfnuss, woraufhin mir das Blut aus der Nase strömt, ein Kumpel mich wegzieht und mir sein Tränengas zusteckt, das ich an diesem Abend zum Glück nicht mehr brauchte. Der Typ war Marokkaner, mein Kumpel ein schwarzer Amerikaner. Ich bin Deutscher.

2. Ein Typ bekommt auf die Fresse, weil’s Spaß macht.
Fünf Jahre später, Hessentag in Groß-Gerau. Wir stehen an der Tankstelle rum und fühlen uns cool, stoned und frisch von der Schule geflogen. Yeah. Ein Kumpel meint zu mir: „Du kommst jetzt mit, wir klatschen jemanden“. Man macht ja ungerne Rückzieher in der Öffentlichkeit und wir schlendern dahin, wo es etwas ruhiger ist, der pickt sich irgendeinen Typen raus und haut ihm eine rein. Der hält sich die Nase und fragt nur: „Warum?“. Mein (ehemaliger) Kumpel tritt nochmal zu. Alles Deutsche.

3. Hamid bekommt eine Flasche an den Kopf.
Silvester 94. Party in Frankfurt. Wir stehen vor der Halle, als es schon losgeht, fünf oder sechs Typen dreschen auf einen Typen ein, das ganze greift immer weiter um sich, wir kommen grade noch so in die Halle, als der Eingang abgeriegelt wird. Nur einer fehlt: Hamid. Scheiße, der is da draußen! Flaschen trommeln gegen den Eingang. Irgendwann wird’s ruhiger und der Eingang wieder geöffnet. Hamid kommt rein, hält sich den Kopf. Blutet nicht, hat aber eine Flasche an den Kopf gekriegt. Hamid ist Marokkaner. Die Flaschenwerfer, so Hamid, auch.

 
 
Liest man sich Studien zum Thema durch, dann durchzieht sie ein roter Faden: die Gewalt unter Jugendlichen hat massiv zugenommen.

Christian Pfeiffer vom kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen hat in der Studie Jugendkriminalität und Jugendgewalt die Entwicklung der Jugendkriminalität in zehn europäischen Ländern und den USA untersucht. Er kommt zu dem Ergebnis, daß in all diesen Ländern zumindest in den 90er Jahren, meist schon seit Mitte der 80er Jahre, ein starker Anstieg der – registrierten – Gewaltkriminalität junger Menschen festzustellen ist.

In Deutschland ist demnach seit 1989 die Jugendgewalt pro 100.000 der Altersgruppe um mehr als das Doppelte angewachsen. Der stärkste Anstieg ist bei Raubdelikten zu verzeichnen. Die Zahl der Jugendlichen, die Opfer einer polizeilich registrierten Gewalttat wurden, ist zwischen 1984 und 1995 um etwa das Dreifache angestiegen. Bei den registrierten Kriminalitätsfällen handelt es sich entgegen voreilig vorgetragenen Einwänden nicht um Bagatelldelikte wie Kaufhausdiebstahl! Der Anteil der Fälle mit einer Schadenssumme bis 100 DM ist sogar rückläufig. Und es ist auch nicht eine gestiegene Anzeigebereitschaft der Bevölkerung, die die Statistik “verfälscht”! “Wir interpretieren die analysierten Daten der staatlichen Kontrollinstanzen als Ausdruck davon, daß es hier seit Ende der 80er Jahre tatsächlich zu einem beträchtlichen Anstieg der Gewaltkriminalität gekommen ist und daß dieser primär zu Lasten Gleichaltriger gegangen ist”. resümiert Christian Pfeiffer. (Oeko-net)

Zu diesen Zahlen und dem immer wieder hochgehaltenen Beispiel bayerischer Glückseeligkeit übrigens:

Allerdings ist die Gewaltkriminalität nicht in allen Bundesländern gestiegen. So ist sie etwa in Berlin, Brandenburg, Hamburg oder Mecklenburg-Vorpommern gesunken, in Bayern und Baden-Württemberg hingegen um 16 bzw. 17,8 Prozent gestiegen, besonders stark in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen mit um die 28 Prozent. An der Spitze stehen Saarland (47,2%) und Rheinland-Pfalz (49%). (Telepolis)

Okay. Das ist Fakt, willkommen in der Realität. Auf der Straße gibt’s auf’s Maul, und das häufiger, als früher. Woran liegt das? Fragt man die üblichen Verdächtigen, dann sind es wahlweise die Killerspiele, das Fernsehen, das Internet und sowieso immer die Ausländer. Ach ja, die Handys. Saujugend, filmt sich ja nur noch beim kloppen und stellt das ganze dann zu diesem Youtube, von dem man soviel hört. Solches Stammtischniveau bring uns nicht weiter, denn die Wurzeln von Jugendgewalt liegen ganz woanders und garantiert nicht in der Herkunft des Schlägers. Und es erschreckt mich ein wenig, dass intelligente Menschen auf diese offensichtlichen aber zu kurz gedachten Argumente „Medien“ und „Spiele“ hereinfallen. Dieser „Abschaum“ ist nämlich nicht halb so blöd, wie er gerne dargestellt wird.

Wie ist das denn nun so als Deutscher, hier geboren, der von allen nur Ausländer oder Molluck oder Havack oder Abschaum genannt wird, der in der Hauptschule nicht mitkommt, weil seine Eltern auch nach 20 Jahren noch kein Deutsch sprechen und der ganz genau weiß, wo er nach dem nicht gemachten Abschluß landen wird? Dann sieht man sich um in Deutschland, sieht jeden Tag die Banker mit ihren Schlipsen durch die Straßen stolzieren, hört von Managergehältern und von Schwarzgeld-Koffern, von Arbeitslosigkeit und Kinderarmut.

Und wo holt man sich dann die Bestätigung her, die jeder braucht, wenn man nichts hat außer ein wenig Stolz? Ganz genau, man schlägt zu. Weil’s geht, weil man’s gelernt hat und weil’s nicht besondern kompliziert zu bewerkstelligen ist. Einfach zugehauen und man fühlt für ein paar Minuten ein Gefühl von Macht. Geil. Gelernt haben sie diesen Mechanismus von uns:

Gewalt ist nun mal die ökonomischste und einfachste Art und Weise, Erfolgserlebnisse und Macht zu erleben. Aggression und Gewalt sind für diese Jugendlichen eine hoch ökonomische Überlebensstrategie. (Leiter des Anti-Gewaltzentrums Berlin/Brandenburg, Oliver Lück in spOn)

Diese ganze Diskussion hatten wir ja vor grob zwei Jahren schonmal. Damals schrieben die Lehrer der Rütli-Schule einen offenen Brief über die Zustände an ihrer Schule und entfachten eine lange notwendige Debatte über Jugendgewalt an deutschen Schulen. Seit damals wurden Hauptschulen abgeschafft und in Frage gestellt. Alles richtige Maßnahmen, bis deren Auswirkungen aber in der Gegenwart ankommen, wird es aber noch eine ganze Weile dauern.

Die damalige Diskussion hatte allerdings eine andere Qualität. War es damals ein Hilferuf der Lehrerschaft, dem sich eine abstrahierte Auseinandersetzung um das Zusammenspiel von Bildung, Perspektiven und Gewalt anschloß, haben wir hier eine konkrete Straftat mit einem halbtot getretenen Rentner. Ideales Futter für kalte Kalkulierer wie Roland Koch, der das sowieso schon viel zu emotionalisierte Stammtischgerede aufgreift und nutzt, um am rechten Rand Stimmen zu fangen. Folgerichtig wurde er wegen Volksverhetzung angezeigt.

Ich finde es etwas sonderbar, dass sich Menschen tatsächlich über gewaltbereite Jugendliche wundern. In einer durchökonomisierten Gesellschaft, in der man mit Realschulabschluß Probleme hat, einen Ausbildungsplatz zu bekommen, die ihre Bürger an ihrer Leistung misst, in der nicht diskutiert wird, wie man Alte besser pflegt, sondern, wie lange sie noch arbeiten können, dass in so einer Gesellschaft diejenigen, die ohne Perspektive oder Mittel sind, zum Mittel der Gewalt greifen, um vor ihren Kollegen cool dazustehen. Mich erstaunt das kein bisschen.

Bleibt die Frage, was wir nun machen sollen, mit all den Schulversagern, die rentnerverprügelnd durch die Innenstädte marodieren? Für die wünschte ich mir einfach ein paar Vorbilder. Einen deutschen Jamie Oliver, der mit Jugendlichen mit problematischem Hintergrund ein Restaurant eröffnet. Einen Dieter Bohlen oder einen Detlev Dee!, der nicht irgendwelche Hupfdohlen vors Mikrofon zerrt, sondern ein HipHop-Label mit Hauptschülern eröffnet. Stattdessen gibt es eine Debatte um Erziehungscamps. Jeder Jugendliche da draußen wird sich von ein paar schreienden Drill-Instructors beeindrucken lassen und danach überhaupt keine Agressionen mehr zeigen. Da bin ich mir ganz sicher. Nicht.

Was haben nun die eingangs geschilderten drei Begegnungen mit Gewalt gemeinsam? Ganz einach: Nationalität spielt beim Entstehen von Gewalt keine Rolle, sondern die Perspektive auf das zukünftige Leben. Ändert man etwas an der Perspektive dieser Jugendlichen, dann ändert man auch ihr Verhalten: Der Typ aus Beispiel Zwei wohnt mittlerweile mit seiner Frau in einer Drei-Zimmer-Wohnung und sie erwarten ihr erstes Kind. Und einen Job hat er auch.

Jede Gesellschaft bekommt die Jugend, die sie verdient!

[update] Telepolis zum Thema:

Bei einem neuen gewalttätigen Vorfall in einer Münchner U-Bahn wurden ein Serbe, ein Kroate und ein Deutscher als Täter genannt. Es gab einmal eine Zeit, in der sich seriöser Journalist dadurch auszeichnete, dass er ethnische Zuschreibungen von Beschuldigten, denn das sind sie bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung, vermieden hat. Auch dieses Prinzip scheint schon lange nicht mehr zu gelten.

Die Folgen sind aber deutlich. Ausländerfeindliche Angriffe der letzten Tage wurden ebenso auf die Lokalseiten verbannt, wie der Suizid eines Abschiebehäftlings in Berlin. Gewalt von Deutschen wie in Leipzig oder Gewalt gegen Nichtdeutsche verlieren an Interesse, wenn medienträchtig jahrelang in Deutschland lebende oder auch hier geborene Jugendliche als ausländische Täter vorgeführt werden.

Und hier ein Projekt von Schülern der Rütli-Schule:

Die Jugendlichen der berühmt-berüchtigten Rütli-„Terrorschule“ entwerfen seit dem Schuljahr 2006/2007 mit Hilfe von RÜTLI-WEAR-Mitarbeitern und der offenen Siebdruckwerkstatt SDW-Neukölln, eigne Motive, Logos und Designs für eine jährlich frische Kollektion, direkt aus dem Herzen Berlin-Neuköllns. Echte Kiez-Wear mit Charakter!

Anstatt von den Medien ein Label aufgedrückt zu bekommen, kreieren sich die Schülerinnen und Schüler ihr eigenes! Anstatt mit dem Stigma des hoffnungslos verlorenen Krawallmachers zu leben, nehmen „die Rütlis“ ihr Image selbst in die Hand und beschreiben selbst wofür Rütli steht oder stehen soll.