Es sind gar keine Kinder mehr

Lesebefehl für eine Geschichte, die mich an meine eigene mit Harald erinnert und bei der ich mich seit Ewigkeiten mal wieder frage: was macht der wohl, der Harald? Eine Geschichte, wie sie nur das Leben schreiben kann. Ein ehemaliger Zivi macht sich 15 Jahre danach auf und sucht die Behinderten, die er damals betreute.

Ich hatte das Album beim Aufräumen im Schlafzimmer gefunden. Es lag tief unter den Fotos meiner eigenen Kinder, verschüttet von jüngerer Vergangenheit, Bildern von Urlauben, Hochzeiten, Geburten. Ein kleines Ringbuch, 22 Blatt dicken Papiers, geschmückt mit Fotos, Zeichnungen und Handabdrücken, wie man sie auch im Kindergarten macht, Existenznachweise in Rot, Gelb, Blau. Die kurzen, etwas stummeligen Finger auf dem Papier gehörten den Kindern, für die ich von 1991 bis 1992 „der Zivi“ war, an einer Schule für geistig Behinderte in Bochum. Fünfzehn Jahre ist das her.

Ich setzte mich aufs Bett, begann zu blättern und spürte so etwas wie Scham, immer seltener an sie gedacht zu haben in diesen Jahren, in denen die eigene Biografie zu rasen beginnt. In der Zeit zwischen zwanzig und dreißig, in der man verlässt und fortzieht, in der man neue Menschen kennenlernt und alte vergisst, in der man nur nach vorn denkt, weil da so viel Zukunft ist. Jetzt, in dieser Wohnung in Berlin, waren die behinderten Kinder aus Bochum nur noch die untersten Sedimente meiner Erinnerung.

Ich beschloss, sie zu suchen, Thomas, Michaela und die anderen. Wo seid ihr? Was ist aus euch geworden? Da erst kam der Schreck: Es sind gar keine Kinder mehr.

[...]

Kurz streift mich der Gedanke, er könnte mich erkannt haben. Thomas, der damals so viel verteilte, Küsse, Rotz und Trotz. Der so sehr stotterte, dass er lieber in Zärtlichkeiten sprach. Der nachmittags noch einmal den Frühstückstisch deckte, weil er so gerne aß, am liebsten Brötchen mit Nutella. Der keinen Satz begriff, in dem ein „weil“ vorkam. Weshalb ich ihn oft tragen musste, überzeugen ging ja nicht.

(via)