Blogs not dead - Lose Gedanken zum Blogblues

Gepostet vor 8 Jahren, 9 Monaten in Misc

Die Anzeichen sind unübersehbar: Nahezu alle Blogs der Top10 der deutschen Blogcharts büßen seit Wochen Verlinkungen ein, Robert verfolgt das schon etwas länger, reihenweise werden die Blogs geschlossen und pausiert, die einem im Laufe der Zeit tatsächlich ans Herz gewachsen sind. Ein Artikel bei Spreeblick über das nicht gerade irrelevante Thema RAF wird grade 18 mal kommentiert, ein Witz bei Spreeblick, schaut man sich die Kommentarorgien früherer Tage an (Na jut, bei Eva Herman [Mist, jetzt hab ich sie doch erwähnt] sind es dann auch wieder 119 Comments).

Man ist geneigt, ein Ende der Bloggerei auszurufen, was aber Quatsch wäre. Ein Ende des Hypes vielleicht, wegen mir. Blogs sind nicht mehr der heiße Scheiß, was solls. Das Bloggen hat sicherlich seinen Peak überschritten und nun zeigt sich, wer dem Schreiben oder besser: Publizieren wirklich mit Leidenschaft nachgeht, für wen das mehr als ein bißchen Nabelschau darstellt.

Da haben es diejenigen etwas einfacher, die mehr Content zu bieten haben, als das Ich oder das Bloggen selbst. Weil irgendwann alle interessanten Geschichten erzählt sind und weil das Bloggen selbst als Thema dann auch irgendwann durch ist. Gut, wenn man dann noch ein paar andere Themen hat, die vielleicht auch noch ein paar andere Leute interessieren.

Ich vergleiche soetwas ja ganz gerne mit dem Aufstieg und Fall von Techno, weil ich es damals in der kompletten Breite gesehen habe: erste Pionierarbeit Mitte bis Ende der Achtziger, Aufstieg Anfang der Neunziger, Höhepunkt 1992/93, danach die Verbreiterung zum Massenphänomen bis circa 1996/97 wonach sich alles zerlaufen und zerfasert hat. Blogging geht es derzeit ebenso. Ein paar Pioniere um die Jahrtausendwende rum, Aufstieg circa 2003, Peak 2005/2006 und nun wandelt sich das ganze in ein echtes Massenphänomen, zumindest im Web. Mit alles Schattenseiten. Idioten allerorten und der manuelle Spam nimmt massiv zu. Meines Erachtens sind dies alles Symptome der Verbreiterung. Irgendwann nächstes Jahr werden viele der alten Hasen dem ganzen den Rücken kehren.

Techno und elektronische Musik bescheeren uns heute Bands wie die Battles, Daft Punk gibt es immer noch und sie sind so erfolgreich wie nie zuvor. Ebenso die Chemical Brothers. Mills legt immer noch auf, genau wie fast alle anderen. Und ebenso wird auch Bloggen nicht „sterben“. Es verliert lediglich den Hype-Status und wird normal. Aber deshalb endet mit Sicherheit nicht das Publizieren im Web. Ob das nun Bloggen oder anders heisst ist dabei vollkommen wurscht, was zählt ist die Demokratisierung, der DIY-Effekt.

Klar, die Bloglandschaft verändert sich. Hier schlagen Dutzende von Kommentaren auf von Blogs, von denen ich noch niemals gehört habe. Gut so. Es gibt die Blogs, die wenden das Thema von einer Seite auf die andere, hauen Artikel um Artikel raus die sich allesamt mit der Blogosphäre beschäftigen. Andere geben auf und schlagen beim Rausgehen die Tür zu. Andere bloggen einfach, weil sie Lust darauf haben, weil sie Themen haben, die wenig bis nichts mit dem Bloggen an sich zu haben. Ich schätze mal, die selbstreferentiellen Blogs werden sich zurückentwickeln während andere einfach die Technologie dazu nutzen, um ihren Scheiß rauszuhauen. Dass da dann viel Müll und PR-Mist dabei ist, mei. Ich wiederhole mich: ich muss nicht alles lesen.

Dektop Publishing, so ein olles Wort aus den Neunzigern, versprach dem geneigten User die One-Click-Veröffentlichung. Ganz so toll war es damals allerdings nicht. Der Begriff bezog sich vor allem auf die Druckvorstufe, das Layouten und die Aufbereitung von Bildern für den Druck. Ich habe den ganzen Quatsch damals gelernt, von Quark XPress bis Photoshop und Illustrator. Theoretisch lernte ich auch die ganzen Druckverfahren von Tief- bis Siebdruck. Und deshalb wusste ich schon damals: Desktop Publishing, was für ein Quatsch. Weil da noch ein ganzer Wust von Arbeitsschritten hintendran hing, von der Belichtung bis zur Druckmaschine, wenn man seine Ergüsse nicht nur auf dem Tintenstrahler ausdrucken und Mami und Papi zeigen wollte.

Seit damals sind nun ein paar Jahre ins Land gegangen und Desktop Publishing ist tatsächlich Realität. Mit Blogs und der Software dahinter ist es möglich, mit ein klein wenig Talent und ein paar Themen, potentiell tausende von Lesern zu erreichen. Mit einem Klick. Na jut, ein paar Tastenanschläge gehören auch dazu, aber das taten sie schon immer.

Nun ist es so, dass diese Demokratisierung der Veröffentlichung natürlich auch die Kritiker auf den Plan ruft, vorzugsweise zu suchen bei den klassischen Medien, für die Desktop Publishing immer noch die Druckvorstufe ist. Die meinen, Blogs seien irrelevant, voller Katzenbilder und Befindlichkeitsbloggerei. Aber auch bei ehemaligen Kollegen finden sich welche, die von heute auf morgen meinen, Blogs seien langweilig und es gäbe ja so viele Deppen, die bloggen. Voll gemein.

Blogs vorzuwerden, sie seien irrelevant oder (böses Wort) unpolitisch ist schlicht und einfach falsch. Wer hatte die beste Informationsaufbereitung, als in Burma die Mönche abgeballert wurden? Etwa die klassischen Medien? Fuck it, der Spiegelfechter war's. Wenn die SZ-Online die deutsche Bloglandschaft als irrelevant abtut, gleichzeitig aber nichts über die Vergewaltigungswelle im Kongo bringt, von der ich aus den Blogs erfahren habe, wer ist dann wirklich irrelevant? Und dabei spielt es keinerlei Rolle, ob der Artikel nun auf der New York Times oder auf einem Blog steht. Denn Blogs funktionieren in zwei Rollen außerordentlich gut, vor allem, wenn es um Politik und Relevantes geht: als Medienfilter und als -kritiker.

In Blogs finde ich Hintergründe zu irgendwelchen Meldungen, die klassische Medien einfach so aus den Agenturen übernehmen und in Blogs finde ich Meldungen, die anderen „Institutionen der Medienlandschaft“ (man könnte auch Dinosaurier sagen) zu irrelevant sind. Eben oben genannten Massenvergewaltigungen im Kongo beispielsweise. Blogs vorzuwerfen, sie seien voller Deppen oder seien irrelevant wegen der tausend Katzenbilder, sein Blog aufzugeben wegen irgendwelchen Business-Kasper, die dämlichen Mist in die Tastatur hacken - die FAZ müsste morgen aufhören zu drucken, weil es Werbeblättchen und Pornomagazine gibt, wenn man dieser Argumentation folgen würde. Werbeblättchen kommen bei mir jedenfalls sofort in den Müll und Pornomagazine... aber lassen wir das.

Und deshalb wird es Bloggen noch eine ganze Weile geben, ob das einigen Herrschaften nun passt oder nicht.

Tags: Blogs

gawker

„Gawker files for bankruptcy and says it will sell the company“ (UPDATES)

Gawker hat Gläubigerschutz beantragt, um der Strafzahlung im Hulk Hogan-Fall zu entgehen. Gleichzeitig ziehen sie wohl einen Deal zum Verkauf…

bullshit

Online-Marketing-Universe of Bullshit Map 2016

Grade in Jules Ehrhardts State of the Digital Nation 2016 gefunden, die Marketing Technology Landscape Supergraphic 2016, oder wie ich…

Apple News for the masses

Nach Facebooks Instant Articles öffnet nun auch Apple News seine Plattform für Indie-Publisher, lässt sich wohl auch hier recht einfach…

superlevel

Superlevel goes Patreon

Fabu und seine Bande von Superlevel finanzieren ihren Indiegame-Journalismus ab sofort mit einer Patreon-Kampagne. Ich werde mir das recht genau…

dogscience

Ventriloquism in Dog Blogs

Wo wir grade bei Bullshit-Science waren: An der Uni Jyväskylä haben sie Ventriloquismus (Bauchreden) durch anthropomorphisierte Hunde in Blogs untersucht.…

daggie

Fucking Social Media: DaggiBee-Porn-Parody

Fucking Social Media. Literally. Dürfte die erste Youtuber-Lifestyle-Blogger-Porn-Parody sein, zumindest hierzulande. Komplett mit Pornplacement, eingeblendeten SocialMedia-Reactions und Adblocking-Debatte: „Denkt auch…

grant

Grantlangst: Fear of a World Without Meaningful Content

Charles.buzz über den Tod von Grantland, einer Sportwebsite, die sogar ich als Sporthasser gelesen habe (weil sie ein paar wirklich…

snackcontent

Tales from Bullshit-Hell: I get Promo-Mail (1) 🔨💣🔫

Ich krieg’ ja immer einen ganzen Haufen ziemlich peinlicher Pressemitteilungen. Manche davon witzig (Gurkensaft), das meiste aber einfach nur Ausdruck…

ad

Ethical Adblocker

Es sind ja derzeit mal wieder Adblocking-Diskussionswochen, da Apple im iOS-Update endlich Werbeblockung zugelassen hat. Schönster Coding-Kunst-Kommentar kommt wahrscheinlich von…

8198329431_211c86ba70_o

Ich bin professioneller Sachensucher

Ich hatte das während meines Urlaubs auf der griechischen Insel Samos auf meinen Facebooks gepostet, ich will das aber auch…

Bildschirmfoto 2015-09-21 um 13.08.43

Death To Bullshit

Neue Website und dazugehöriges Blog von Brad Frost: Death To Bullshit. Habe ich mir umgehend in den Feedreader gepackt, den…