Von gelben und orangenen Westen inklusive Bahnstreik und Grünzeug-Massaker

12.10.2007 Misc #Storys

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Da ackere ich gestern bis um 23 Uhr den ganzen Scheiß weg, damit ich heute, wenn die Bahner streiken, die paar Kleinigkeiten, die noch übrig sind, von zu Hause aus erledigen kann... da kackt mir prompt mein Internetz ab. Kriegt man gleich himmlische Laune davon. Der Plan, um nun doch irgendwie ins Büro zu kommen, ist, sagen wir mal, etwas diffus. Irgendwann mit dem Bus nach Darmstadt und von dort irgendwie nach Frankfurt. Es werden schon irgendwelche Züge fahren. Aha, na dann, soso.

Nur doof, wenn man den Bus grade um zwei Minuten verpasst hat, weil man kein Internet hat, wo man auf einen Fahrplan schauen könnte. Cool. Da stehe ich also mitten im Kaff und überlege, wie ich dann doch noch... man könnte ja mal gucken, ob am Bahnhof doch noch was geht. Abmarsch, durchs Kaff, ganze zehn Minuten Stechschritt. Auf der Zielgeraden, vielleicht 500 Meter vom Bahnhof entfernt, dann dieses Geräusch eines sich nähernden, langsamer werdenden Zuges. Nein! Gibt's doch nich! Ich denk' die streiken!

Wohl wissend, dass die Entfernung zu groß, der Zug zu nah und ich zu unsportlich bin, renne ich los. Schneller, vielleicht schaffstes doch. Der Zug fährt ein, ich renne. Krampf. Scheiß auf den Krampf, renn weiter! Schneller! Ich renne, der Zug hält, ich renne immer noch, die Lunge pfeift, mein Schienbein tut weh - scheiß drauf. Ich höre, wie sich die Pneumatik der Türen schließt, erreiche endlich den beknackten Bahnsteig, greif die Türe und der Zug fährt ab. Immerhin hab ich ihn „erreicht“, nur leider von außen.

Da stehe ich also nun, krieg keine Luft, völlig außer Atem und immer noch nicht im Büro, wo ich erstmal anrufe und einem Kollegen mein Leid schildere. Meine ersten Worte: „Ich könnt' kotzen!“ Ich beneide niemanden, der von einem Anrufer solche ersten Worte an den Kopf gedotzt bekommt. Aber ich könnt' kotzen! Und so stand ich dann am Bahnhof rum und wartete auf den nächsten Zug, der ja wohl, so hoffte ich, irgendwann fahren würde.


Grünzeug Chainsaw Massacre

Auf einmal kamen fünf Männchen vorbei, liefen mir gegenüber auf dem Bahngleis rum, hatten lustige Westen an und hantierten mit schwerem Werkzeug. Bahnarbeiter waren es und befreiten das Gleisbett von Unkraut und Grünzeug. Vorneweg lief ein Männchen mit einer gelben Weste. Das Männchen hatte eine Tröte dabei und blies darauf jedesmal, wenn ein Zug vorbeirauschte. Das heisst: das Männchen blies diesen Signalton jedesmal, bevor ein Zug vorbeirauschte. Sonst machte das ganze ja gar keinen Sinn und die Typen könnte man nun Bröckchenweise vom Gleisbett aufsammeln.

Nach dem Männchen in der gelben Weste, das nichts weiter tat, als den anderen bei der Arbeit zuzugucken und ab und zu komische Töne von sich zu geben, kamen drei Männchen in orangenen Westen. Das erste Männchen war fürs Feine, hatte ein Schneidedingsbums dabei, mit dem es all dem Gras und den Büschen den Gar aus machte. Hinterdrein kam das Männchen für's Wegmachen. Das hatte eine Mistgabel und schaufelte damit das ganze Gras und die Büsche, die Männchen Zwei liegen gelassen hatte, ein wenig weiter vom Gleisbett weg und holte alle paar Meter zwei Kanister mit Ersatzbenzin für die Gerätschaften herbei.

Nun kam das Männchen fürs Grobe. Das hatte eine Motorsäge dabei und zerfetzte alles, was nun noch am Gleisrand stand, fällte die Bäumchen und zerhackte Buschreste. Eine reinste Zerstörungsorgie, ich hörte das Grünzeug förmlich schreien, aber es half ja nix. Grünzeug Chainsaw Massacre Gallore. Hinterdrein lief ein weiteres Männchen in einer gelben Weste, das machte nix - ich meine damit wirklich: gar nix -, guckte den Anderen bei der Arbeit zu und hatte die Hände in den Hosentaschen vergraben.

Alle fünf Männchen sahen äußerst griesgrämig und schlecht gelaunt aus, was vielleicht daran lag, dass ich sie ebenfalls äußerst griesgrämig und schlecht gelaunt beobachtete. Schließlich kam endlich nach eineinhalb Stunden ein Zug, ich zeigte dem Lokführer den Mittelfinger (scheiß Streikbrecher), stieg ein und fing an zu tippen.

Und wie ich heute abend nach hause komme, beschreibe ich morgen früh nach einem fünfstündigen Fußmarsch. Oder so.

Bei all diesem Chaos bemerkte ich übrigens mal wieder, wie gerne ich das hab. Das Chaos meine ich. Ich mag das, wenn alles aus den Fugen gerät. Der Bahnhof war heute morgen übervoll mit Menschen, die alle in die Luft guckten und nicht wussten, wohin sie gehen sollten. War das ein Spaß.