2007: Das Jahr in dem die Musikindustrie starb oder The Labels are on Fire!

Gepostet vor 9 Jahren, 7 Monaten in #Misc #Copyright #Music-Industry #p2p

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Dieses ist wohl das turbulenteste Jahr für die Musikindustrie seit der Erfindung von Napster. War letztes Jahr nicht mehr als ein Hoffnungsschimmer am Horizont zu sehen, wenn mal die Rede von DRM-freiem Verkauf von Musik war, wagte EMI dieses Jahr zusammen mit Apple den Schritt, kam endlich im neuen Jahrtausend an und verkauft im iTunes-Store DRM-freie Songs. Die anderen Majors - bis auf Sony, wenn ich mich nicht irre - zogen nach und starteten mindestens Experimente in der Richtung. Das ist alles schonmal ein Schritt in die Richtung, es scheint sich so langsam die Einsicht durchzusetzen, dass es recht zwecklos ist, die Kundschaft mit Rechts- und Machtansprüchen zu gängeln, die man im Zuge der Digitalisierung längst verloren hat. Obendrein gewinnt die Musikindustrie den ersten vor Gericht verhandelten P2P-Fall (der übrigens in Revision gehen wird), Amazon startet den ersten komplett DRM-freien Musik-Store.

Ian Rogers von Yahoo erklärt das DRM-Problem sehr anschaulich, ich kenne dieses Problem aus eigener beruflicher Erfahrung:

Want a track on-demand? Oh have we got a deal for you! If you're on Windows XP or Vista, and you're in North America, just download this 20MB application, go through these seven install screens, reboot your computer, go through these five setup screens, these six credit card screens, give us $160 dollars and POW! Now you can hear that song you wanted to hear—if you're still with us

Wie gut, dass die Musikindustrie zumindest ansatzweise Abstand von DRM nimmt. Man könnte fast meinen, die Dinosaurier hätten den Asteroiden fürs erste abgewehrt.

Aber.

Der Asteroid ist natürlich schon längst eingeschlagen, nennt sich Internet und dürfte langfristig den Tod für den Vertrieb von Musik über den Zwischenstop Label bedeuten. Und genau das sehen mittlerweile auch einige der größten Bands so und wenden sich von der Musikindustrie ab und dem Fan zu. Erst verkaufen die Stars ihr Album zwei Monate vor offiziellem Start über die Labelsite und iTunes (DRM-frei), dann veröffentlichen Radiohead ihr neues Album, zumindest dieses Jahr noch exklusiv, über eine Website - noch dazu mit selbst wählbarem Preis, der sich erfreulicherweise knapp unter dem Standard-Ladenpreis einpegelt - und nun schwenken Oasis, Jamiroquai, Nine Inch Nails und Madonna (!) auf ähnliche Kurse. Den Majors brechen die großen Acts weg. Und das ist ein Problem. Weil's funktioniert:

Radiohead's management says that the free-download experiment is working out very well so far, driving an 11-fold traffic boost to the band's Web site and converting plenty of those hits into sales of premium boxed sets for £40 a pop. (Ars Technica)

Was mich dabei die ganze Zeit störte war der Gedanke, dass der direkte Verkauf von Musik von Band zu Kundschaft nur bei entsprechender Fanbase möglich sei. Sprich: ein Kaliber wie Oasis oder Radiohead, die sowieso ihre Schäfchen schon lange im Trockenen wissen, hat sichtlich kein Problem damit, seine Basis zu mobilisieren und ohne Umweg über die Labels immer noch einen Mörderschotter mit ihren Alben zu machen. Aber was ist mit den kleinen Bands? Die Bands, die ohne Hype auskommen müssen? Der Versuchsballon der Stars ist, soweit ich weiß, geplatzt und die Online-Umsätze aus der neuen Platte verbuchte man unter „Ferner liefen“. Was ist mit den wunderbaren „Los Campesidos“, könnten die ihre Platte aus eigener Kraft ohne Label verkaufen und damit Erfolg haben?

Ich verbuchte den Gedanken ebenfalls unter „Ferner liefen“, denn mir fiel kein Grund ein, warum es eine junge oder kleinere Band nicht auch ohne die Label schaffen sollte, die gleichen (nicht besonders zahlreichen) Verkäufe über das Web abzusetzen, wie sie es offline auch schon tut. Und wenn Myspace endlich einen Online-Shop für DRM-freie MP3s einführt, dann ist sowieso alles vorbei.

Nun erwarte ich nicht, dass die Musikindustrie die Segel streicht und sagt: „Tschüss, wir haben verloren, ihr braucht uns nicht mehr und so.“ Das wäre Unsinn, denn machen wir uns nichts vor: den Großteil vom Reibach machen die Labels immer noch über die CD-Verkäufe. Was natürlich daran liegt, dass die heavy Internet-User immer noch in der Minderheit sind. Digitale Info-Elite nannte das mal mein Chef. Ich mag den Begriff, weil er impliziert, dass eine Menge der Leute da draußen keine Ahnung haben, von was ich hier überhaupt rede und jetz mal ehrlich: das ist die Realität, willkommen darin. Die gehen immer noch die „billigen“ CDs im Mediamarkt einkaufen und freuen sich über die neue Platte von US5, oder sowas. Solange es Menschen gibt, die die Möglichkeiten des Internetzes und die unter dem Überangebot verborgene Freiheit noch nicht erfasst haben, hat die Musikindustrie ein sicheres Auskommen. Dies ist allerdings ein Festhalten an einem absterbenden Ast.

Denn was ich für mich heute erlebe ist nicht weniger als der Niedergang einer Industrie. Die Aufgabe der A+Rs und die Promotion übernehmen mittlerweile für mich Musikblogs. Den Vertrieb machen Bittorrent, die Hype-Machine oder die Band selbst. Und demnächst Amazon. Ich bin auf die Musikindustrie in ihrer jetzigen Form schon lange nicht mehr angewiesen und so wie mir wird es in den nächsten Jahren immer mehr Menschen gehen, da bin ich mir sicher. Die Einnahmen werden immer weiter einbrechen, der Direktvertrieb wird Standard und von DRM wird schon nächstes Jahr, spätestens 2009, keine Sau mehr reden. Die Musikindustrie wird sich auf „die sichere Bank“ ihrer Plastik-Acts zurückziehen, bis auch die keiner mehr hören will. Und irgendwann in zehn Jahren oder so wird die Musikindustrie aufhören, zu existieren. Sie ist dann Geschichte, genau wie Kutschfuhrwerksmanufakturen. Von Druckmaschinenherstellern will ich erst gar nicht anfangen.

Dann gibt es nur noch Musik. Und dann reden wir nochmal über den Terminus „Mainstream“.

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