Wer krank ist, ist selbst schuld

07.10.2007 Misc #Storys

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Kennt jemand Bruno Gröning?

Nein? -- Ist wohl auch besser so. Ich kenne ihn nämlich gut, und nach dem Auspacken der Reisetasche vom Ostseeurlaub, bei dem ich mich nicht wie geplant erholen konnte, habe ich auch wieder einige Bilder von ihm zur Hand.

Wie kommt das?

Die Schwiegermutter, eigentlich eine Seele von Mensch, ist im Bruno-Gröning-Freundeskreis sehr aktiv. Und in diesem Kreis glaubt man an Heilung auf dem geistigen Wege. Konkret sieht das so aus, daß man mit verklärtem Gesicht und nach oben weisenden Handflächen, die man etwa in Bauchhöhe vor den Körper streckt, Hilfe erbittet.

Bitte verlangt nicht, daß ich mich mit der Theorie der Gemeinschaft eingehender auseinandersetze, was ich an gelebtem Bruno-Wahn mitbekomme, reicht mir.

Die Grundeinstellung, Krankheiten nicht fatalistisch anzunehmen, sondern das Beste draus zu machen an sich ist ja sehr löblich und kann sich, besonders für chronisch kranke Menschen, als äußerst hilfreich erweisen. Sich nicht von Gebrechen beherrschen zu lassen und neben aller gebotenen Vorsicht immer reinzuspringen ins blühende Leben, das wäre auch mein Motto. Und daß es manchmal doch Dinge gibt, die sich, zumindest mit den weithin zur Verfügung stehenden Mitteln der Wissenschaft, nicht bis ins Letzte erklären lassen, bestreite ich auch nicht. Dies nur als Hinweis darauf, daß ich mich hier über niemanden lustig machen möchte.

Aber wenn jemand inbrünstig Liederabende, denen beigewohnt wurde, regelmäßig mit Hilfe der teuer erstanden DVD im Kreise der entsetzten Familie nacherlebt, ungebeten Umstehenden die Hände öffnet, sobald von Wehwehchen die Rede ist und nicht einmal davor zurückschreckt, meiner 88jährigen, unheilbar krebskranken Omi zwei Wochen vor ihrem Tod Werbebroschüren in die Hand zu drücken -- dann geht das eindeutig zu weit.

Von den überall verteilten paßfotogroßen Bruno-Bildchen mal ganz abgesehen ... Als wir unsere Wohnung bezogen und nicht sicher waren, ob die Flecken über dem Badezimmerfenster vielleicht doch auf feuchte Wände zurückzuführen sein könnten, steckte auf einmal ein solches Bildchen im Fensterrahmen. Später fanden sich weitere in den Tiefen der Kleiderschränke, unter der Matratze und hinter dem Sofa, zwischen dem Geschirr, unter Teppichen und sogar unter dem Mäusekäfig. Die Bilder sind nicht etwa kopiert, sondern jedes ist ein mit einer Spende bezahltes richtiges Foto.

Und obwohl der Freundeskreis offiziell die Heilkunst der Schulmedizin nicht ablehnt, sind doch herkömmliche Ärzte und Medizin verpönt.

Der Karpate hatte nach einem Schädelbruch im Alter von neun Jahren (zugezogen am Tag der letzten Wahlen der DDR) für sechzehn Jahre mit einem tauben Ohr zu kämpfen. Daß es nicht früher operiert wurde (übrigens sehr erfolgreich), liegt auch darin begründet, daß seine Mutter dem Glauben anhing, das mit den durcheinandergerüttelten Hörknöchelchen werde sich durch Hände aufmachen schon von selbst geben.

Die kleine Cousine, die an einer Mittelohrentzündung litt, wurde erst ins Krankenhaus geschafft, als ihr Fieber lebensbedrohlich hoch geworden war. Ihre Mutter gehört auch dem Freundeskreis an und hoffte daher, die Kleine werde um eine ärztliche Behandlung herumkommen. Am Ende gab es Komplikationen und die damals Dreijährige verbrachte die nächsten zwei Monate im Krankenhaus.

Tja, und die letzte Leidtragende bin ich selbst. Nach zwei Wochen mit dicker Erkältung und mehr oder weniger hohem Fieber fuhr ich also mit an die Ostsee, um mich dort ein wenig zu erholen, auszuruhen und möglichst wieder zu gesunden. Aber nix da, mir ward keine Ruhe gegönnt. Als erstes kam natürlich der übliche Spruch Mach doch mal die Hände auf, danach mußte ich Bemerkungen wie "Nu hab dich nicht so, is' doch nicht so schlimm!" über mich ergehen lassen. Daß ich meine Erkältung, die sich mittlerweile zu einer leichten Lungenentzündung ausgewachsen hatte, nicht losgeworden war, war ja schließlich meine eigene Schuld. Was war ich auch so stur, Bruno nicht einmal bitten zu wollen mir zu helfen! Wenn ich nur seine geistige Kraft an mich heranließe ... "Heilung muß man zulassen!" Kein Kommentar. Schließlich wurde ich an den Strand geschleift, denn wer nicht krank ist, kann auch spazieren gehen und spätabends in der Kälte den Männern beim Brandungsangeln zusehen. Dabei hätte ich ins Bett gehört.

Die einzige Person, die gegen derlei Praktiken anging und eben nicht aus falsch verstandener Höflichkeit den Mund hielt, ist übrigens meine Mutti. Sie begleitete einmal eine Bekannte zu einem abendlichen Treffen einiger Freundeskreis-Mitglieder. Dort berichtete eine Mutter ganz stolz von den Erfolgen, die sie mit der rabiaten Behandlung ihres hyperaktiven Kindes hatte: Während das Kind an einem Stuhl festgebunden sei, sähen oder hörten die beiden sich Aufzeichnungen von Liedern aus dem Umfeld der Gemeinschaft an oder ließen Fotos des Heilers auf sich wirken. Nach wenigen Wochen bereits hätten sich die Verhaltensauffälligkeiten des Jungen verringert und statt wie früher unkonzentriert zu sein, sei er nun ganz brav und könne ganz lange still sitzen, sobald man ihn nur auf Bruno und den Stuhl anspräche. Da ist meine Mutti, studierte Heilerziehungspflegerin, ganz entsetzt aufgesprungen und fragte in die Runde, warum sich denn kein Widespruch gegen derart dumme, unmenschliche Methoden regt. Sie sagt, sie hat in verwunderte, verständnislose Schafsgesichter geblickt ...

Links: Anhänger: ein umstrittener Wikipedia-Artikel
Gegenstimmen: AGPF - Aktion für Geistige und Psychische Freiheit Bundesverband Sekten- und Psychomarktberatung e.V., Bonn, Infoseite, Bistum Trier (Sekten und Weltanschauungen näher betrachtet), WDR-Themen: Panorama ("Der so genannte "Bruno-Gröning-Freundeskreis" lädt zu zahlreichen Vorträgen über "geistiges Heilen" in NRW ein. Am Freitagabend (26.3.04) hat wdr.de die Auftaktveranstaltung der Gruppierung in Duisburg besucht. Experten sprechen von einer sektenähnlichen Vereinigung.")