Popkomm quergelesen: Der entzauberte Pop

Gepostet vor 9 Jahren, 10 Monaten in #Misc #Music #Music-Industry #Pop

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Großartiger Artikel auf der Zeit anläßlich der Popkomm, der so ziemlich alles, von „Digitaler Boheme“ bis Bands auf Myspace hinterfragt und nicht den Fehler macht, eine Antwort bieten zu wollen, sondern sich im Gegenteil der Ambivalenz der modernen Kreativindustrie völlig bewusst ist, zum Beispiel auch darstellt, warum der Begriff „Kreativindustrie“ eigentlich ein Paradoxon ist. Lesebefehl!

In welchem Zustand die Popkultur sich derzeit befindet, lässt sich nirgends besser ablesen als an der Art, wie darüber geredet wird. Nie wurde die digitale Zukunft so forsch heraufbeschworen, und nie herrschte dabei ein derart nüchterner Geschäftsjargon. Während auf den Kultursendern gerade der Sommer der Liebe recycelt wird, damit das Publikum daheim vor den Bildschirmen staune, mit welch utopischen Erwartungen drei Tage im Schlamm von Woodstock einmal überspannt waren, denken die Visionäre von heute vorauseilend unromantisch an »Business Tools«. Kuscheln heißt jetzt»Community Creating«, Abschleppen (von Zielgruppen) »Targeting«. Und wo einst »turn on, tune in, drop out« gefordert wurde, lautet das Motto neuerdings schlicht »plug in to success«.

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Niemand kennt sich im Internet, bekanntlich dem Zukunftsmedium schlechthin, besser aus als die scheinbar selbstvergessen in Ladenwohnungen oder Schlafzimmerstudios vor sich hin werkelnde Schicht, die auch als »digitale Boheme« oder »kreative Klasse« bezeichnet wird. Zu ihr rechnen neben Musikern und Musikproduzenten auch Labelbetreiber, Webdesigner, Journalisten, Filmschaffende, Modemacher und alle Arten elektronischer Dienstleister. Sie sind es, die der postindustriellen Ökonomie auf die Sprünge helfen sollen.

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Zugleich ist offensichtlich, welche Eigenschaften die als kreative Klasse gehandelten Milieus für die Rolle des Hoffnungsträgers qualifizieren. Sie sind flexibel, organisieren sich in Netzwerken, sie trennen nicht zwischen Arbeit und Freizeit. Sie gehen schon vor dem Frühstück ins Internet, das sie oft erst weit nach Mitternacht wieder verlassen, was sich nach außen hin in einem weltoffenen, lässig globalisierten Habitus niederschlägt. Die neuen urbanen Milieus, mit anderen Worten, sind die Avantgarde des Erwerbslebens. Vom popkulturellen Bastler zu lernen heißt, eine ungesicherte Existenz als Risikoinvestment zu betrachten, idealistisch und doch auf lange Sicht effizient zu denken. Es war nur konsequent, dass dieses Potenzial in den letzten Jahren statistisch aufbereitet und als Kreativwirtschaft – im internationalen Branchensprech: »Creative Industries« – marktgängig gemacht wurde.

Allerdings stellt sich die Frage, wie unterhaltsam die Unterhaltungskunst noch ist, wenn sie alle Illusionen über sich selbst verloren hat. Der Schritt vom Bohemien alten Schlags zum Anbieter von Kulturwaren bedeutet nämlich nicht nur einen Zugewinn an Selbstaufklärung, er stellt auch einen überlieferten Topos der Avantgarde auf den Kopf: die Idee, die Sphäre der Kunst befände sich in fundamentalem Widerspruch zu den Erfordernissen des geschäftlichen Alltags. Im Zeichen der Creative Industries greift beides ineinander.

Weiter geht es mit einem Streifzug über die Popkomm und der Musik-Printpresse, die sich gegenseitig versichert, dass Print nicht tot ist:

Christian Stolberg, Chefredakteur des Musikexpress, meint, alte Medien müssten sich durch das Auftauchen neuer Medien verändern. Inhalte müssten „sexy inszeniert werden“. Den Online-Journalismus betrachtet er als „Häppchenkultur“. „Die Leute wollen von einem Monatstitel satt werden, daher muss man im Print anders – detaillierter – schreiben als online.“ Der Chefredakteur des Musikmagazins intro pflichtet ihm bei: „Wir haben andere Formen als der Online-Journalismus. Wir haben Leute, die Reportagen schreiben können, da leben die Geschichten ganz anders. Und man kann sie bebildern“, sagt Thomas Venker.

Jörg Tresp, Inhaber des Independentlabels Devil Duck bemängelt, dass in Musikmagazinen die redaktionelle Auswahl den Anzeigen untergeordnet werde. Wer kein Marketingbudget hat, werde „stiefmütterlich behandelt“ und nicht erwähnt. Christian Stolberg vom Musikexpress hat die passende Antwort parat: „Da keine Plattenfirma mehr in solchem Umfang Anzeigen schaltet, sind wir auch nicht mehr erpressbar.“

Und wie geht es weiter mit der Musikpresse? Thomas Venker ist sich sicher: „Solange Menschen U-Bahn fahren, werden sie auch Zeitschriften lesen.“

Ja genau, die Menschen lesen solange Zeitschriften in der U-Bahn, bis sie mit dem Notebook ins stadtweite WLan können. Dann ist schluß mit Lustig.

Ein weiterer Artikel handelt von der großen Depression der Labels angesichts der Umwältzungen im Musikmarkt:

Ein bestimmendes Thema des ersten Messetages ist der Niedergang der Münchner Firma Hausmusik, die mit ausgewählten Produktionen Labelarbeit, Plattenladen und Vertrieb vereint hat und nun vor dem Aus steht. Hausmusik hat sehr viel ins Ausland geliefert, und genau darin sieht Olav Evers, Export-Manager des Hamburger Vertriebs Indigo, das Problem. Dollar und Yen seien schwach, man bekomme europäische Produktionen nicht zu konkurrenzfähigen Preisen in die Läden. Dadurch landen sie gleich in der Spezialistenecke. Die Margen sind gering, man wird frühestens nach neunzig Tagen bezahlt, und bis dahin ist das Geld noch viel weniger wert. Lizenzen an Künstler und GEMA müsse man allerdings wieder in Euro abrechnen. „Auch im Ausland ist der Musikmarkt am Schrumpfen, und wenn dann ein Vertriebspartner Pleite geht und nicht mehr zahlen kann – gute Nacht!“ Evers hat wenig Ermutigendes zu berichten.

Doch was verändert sich im Gefüge der Firmen, wird nicht vom Niedergang der Mitbewerber profitiert? Indigo wächst, weil man die verkaufsträchtigen Labels der bankrotten Konkurrenz übernehmen könne. Darüber kann sich Evers nicht freuen: „Wie soll das denn weitergehen? Irgendwann sind wir dann ja auch dran.“

(alle via)

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