Kein Netz in Karlsruhe - Nachgedanken zum ZKM

Gepostet vor 9 Jahren, 11 Monaten in #Misc #Blogs

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Die Konferenz ICH, WIR UND DIE ANDEREN im ZKM in Karlsruhe zu rekapitulieren fällt mir schwer. Vieles von dem, was übrigbleibt, ist knapp unter der Oberfläche dessen gelegen, was ich formulieren kann. Meine Eindrücke sind eher in Gefühle übergegangen, die mich länger begleiten werden.

Der erste Vortrag, dem wir vollständig beiwohnen konnten, Blogs. Ich-Konstruktion durch Autor und Leser, wurde von Vanessa Diemand, einer der Organisatoren, gehalten. Sie stellte gut strukturiert sehr kluge Thesen auf, minderte aber den sonst äußerst positiven Eindruck dadurch, daß sie reichlich mädchenhaft auftrat. Damit man mich nicht falsch versteht: Sie wirkte auf mich professionell, sprach frei und sicher und war inhaltlich auf einer hochakademischen Ebene, ich hatte nur leider das Gefühl, daß sie in eine Falle tappte, der wenige Frauen ausweichen können: Die Verniedlichung. In einem Umfeld wie dieser Tagung war der Gestus sicher nicht ganz unangemessen, ihr Vortrag wirkte dadurch auch sehr locker und unterhaltsam, aber die Pointiertheit ihrer sehr ausführlichen Anmerkungen zum Themenbereich und die Tragweite dessen litten unter dem zuweilen eher plapperhaften Ton der jungen Frau.

Eine Erkenntnis, die mich wenig später berührte: Manche der erstaunlich wenigen Teilnehmer und Besucher der Konferenz nehmen sich und ihr Tun im Netz wichtiger als andere. Das wird dann zu einem Problem, wenn eine Kunstfigur, die sich nicht oder wenig, in einigen Punkten aber eben doch ganz fundamental (? - Genau!) von ihrem Schöpfer unterscheidet, auf Menschen trifft, die unverstellter im Netz agieren, ihre Existenz auf diesen Aktivitäten aufbauen oder, gelinde gesagt, undurchschaubare Ziele verfolgen. Wen meine ich wohl?

Der Vorwurf von Peter Turi in der Diskussionsrunde an R. Meyer, sich hinter der Kunstfigur Don Alphonso zu verschanzen, sich damit auch schützen zu wollen, aus der so entstandenen Deckung aber andere zu attackieren, hat mich nachdenklich gemacht. Immerhin schien mir Peter Turi das Gegenbeispiel zu all den happy-hippie-hot-and-trendy Webzwonull-Optimisten zu sein, die an jeder Ecke die nächste bargeldlegende Wollmilchsau zu entdecken glauben. Sehr emotionalisiert jedenfalls hakte er mehrmals nach, wie es denn sein könne, daß immer wieder verbal auf ihn geschossen würde, mit zittriger Stimme und mehr als schlotternden Knien.

Nach seinem Vortrag, Geschäftsmodell und Medienökonomie 2.0, der die Probleme beschrieb, die mit immer weniger Festanstellungen, kürzeren Ruhezeiten, unsicherer Auftragslage und erhöhtem, sich stets noch erhöhendem Selbstvermarktungsdruck einhergehen, bekannte er freimütig und doch so ernst, daß ich danach für den Rest der Veranstaltung einen Kloß im Hals verspürte (sinngemäß):

Ich bin das personifizierte Scheitern. Ich habe es nie zu einer Festanstellung gebracht.

Und das, nachdem eben noch MC Winkel gesprochen hatte. Dabei stellte dieser all seine bisherigen Aktionen vor, ließ sich von einer blondgelockten Assistentin Videoschnipsel einspielen und plauderte in Entertainer-Manier von Erfolgen, Versuchen und Rohrkrepierern. Die Reaktionen im Publikum reichten von wohlwollendem Gelächter bis hin zum genervtem Verfluchen der Wahl eines Platzes in der Mitte, die ein Entrinnen unmöglich machten. Einige empfanden es als Auflockerung, andere sahen in den vorgeführten Beispielen nurmehr Zumutungen, die an ihre honorige Person herangetragen wurden. Als Metaaussage blieb dennoch die Frage übrig: Menschen als Marke?

Der Holstenblogger und sein Klarname, auch so eine kleine Begebenheit: MC Winkel ist im Netz MC Winkel, möchte auch möglichst nur dieser sein, während andere seinen Klarnamen herbeizitieren. Dagegen verwahrte er sich ausdrücklich und bekam die joviale Zusicherung, das sei doch künftig kein Problem. Der Eindruck dieses kleinen Dialoges war: Da wirft sich jemand mit Anlauf und aller Kraft gegen eine Tür, auch zurecht, die ihm just in diesem Moment grinsend aufgehalten wird ...

Mein Gefühl nach dieser Konferenz ist bestimmt von Ernüchterung und der Erleichterung darüber, nicht beruflich in diesem Haifischbecken (Online)Journalismus und Selbstvermarktung tätig sein zu müssen. Wenn es keinen Spaß mehr macht, kann ich jederzeit aufhören. Nicht jeder kann das von sich behaupten.

Anmerkung: Wäre nicht ständig das WLAN ausgefallen, hätte ich meine Überlegungen wohl weniger gedrängt und aktueller formulieren können. Daher der Titel.

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