Eine Prüfung im September

11.09.2007 Misc #Storys

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Ich saß im Büro herum und bekam komische E-Mails von Typen, die ich in wenigen Stunden sowieso sehen würde. Ich hatte eine Prüfung in einem Multimedia-Kurs. Director, Lingo-Programmierung und sowas. Die Prüfung hatte ich so gut wie in der Tasche, nur wie gut sie ausfallen würde war fraglich. Deshalb lies ich heute die Arbeit Arbeit sein und lernte noch ein wenig Syntax auswendig, probierte noch ein wenig mit objektorientierter Programmierung herum, Parent, Child, und schließlich war es soweit. Ich verabschiedete mich und fuhr mit dem Zug nach Frankfurt in die Multimedia-Schule.

Dort angekommen warf ich meine Jacke über den Bürostuhl und meinte zu Stefan: „Von mir aus können wir...“ - „Du hast 90 Minuten, insgesamt sind es 50 Fragen, 30 davon Multiple-Choice... alles klar?“ - „Alles kar“

90 Minuten später gab ich knurred die Blätter ab. Eine Frage hatte mir so gar nicht geschmeckt. Wenn es um Videoverarbeitung am Rechner geht bin ich eine Null. Ich hätte mich ja auch wirklich besser vorbereiten können, jetzt hatte ich den Salat und mein Schnitt dürfte damit im Eimer sein. Schöne Scheiße. Es war mittlerweile halb Neun und ich musste noch durch halb Frankfurt fahren und dann mit der S-Bahn nach Hause. Irgendetwas klingelte in meinem Hinterkopf. Was, wusste ich nicht.

Ich trat nach draußen, es war angenehm für die Jahreszeit, nur ein Lüftchen wehte um die Nase. Ich stellte den Kragen meiner Jacke nach oben und ging zur Haltestelle. In der S-Bahn war keine Sau. Nur ein paar windige Gestalten lümmelten sich irgendwo hinten im Abteil. Auf der Straße: keiner. Nirgends. Irgendetwas klingelte in meinem Hinterkopf.

Der Bahnhof war wie ausgestorben, ein paar Obdachlose durchkämmten die Abfalleimer, ein paar vereinzelte Reisende sammelten sich vor den Leinwänden, auf denen die Nachrichten gezeigt wurden, die Kaffeedamen standen in ihren Ständen herum. Etwas klingelte, irgendwo in meinem Hinterkopf, als ich im menschenleeren Zug saß und die Prüfung und Dirk verfluchte, der nicht aufgetaucht war, mit dem ich ein Spiel programmieren wollte beziehungsweise musste und der mir heute Mittag, kurz bevor ich wegmusste, eine komische E-Mail geschickt hatte.

Ein Flugzeug sei ins World Trade Center gekracht hatte er geschrieben.

Ich hatte ihm weder geglaubt noch sonderlich viel Zeit für diesen Quatsch gehabt. Zuhause angekommen sank ich auf die Couch und sah 6 Stunden am Stück fern. Meine Kinnlade stand dabei die ganze Zeit offen.
 
 

Den elften September von Max Goldt kann man hier nachlesen:

Zwei Stunden glotzte ich auf den Bildschirm. Ich war unglaublich durstig, sah mich aber außer Stande, in die Küche zu gehen, um mir etwas zu Trinken zu holen. Immerhin war ich in der Lage, einen nicht sehr guten Satz in mein Notizbuch zu schreiben: „Weltgeschichte kotzt mich gerade an wie eine unangeleinte Kampfqualle.“

(via)