Die virtuelle Welt der Anomalie

23.08.2007 Misc #Storys

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Ein alter Freund aus Jugendtagen hat letztens ein Lokal eröffnet. Im Frühjahr erzählte er noch was von einer Kneipe, in der Nachwuchsbnads auftreten sollen und so. Dann erzählte er lange nichts mehr. Dann kam die Einladung zur Eröffnung des Lokals.
Das Konzept hat sich etwas geändert. Wenn dort jetzt geswingt wird, hat das weniger mit Musik zu tun. Viel eher ist es Teil der Betriebsphilosophie, dass sich Menschen, die sich auf einem Swingerportal kennengelernt haben, da mal unverbindlich treffen können, um zu schauen ob die Chemie stimmt, bevor es gemeinsam woanders ind die Kiste geht. Also ein Ort, an dem eine virtuelle Community real zusammentrifft. Swinging re:publica sozusagen.

Die Community findet sich über die Nutzerprofile. Während ich bis heute nicht weiß, wie ich einer reallife-Bekanntschaft klarmachen soll, auf welche besondere Spielart des Paarungsverhaltens ich so abfahre, kann ich dort einfach angeben, dass ich gerne von älteren Damen auf und ab gepeitscht werde.
Es gibt da ziemlich viele Menschen, die auf mehr als nur lieb ficken stehen. Richtig viele. Ich frage mich: Wie war das wohl vor dem Internet mit den Freunden des speziellen Vergnügens?
Klar gab's die schon immer. Mosaike in pompeiischen Bordellen, Bücher des Marquis de Sade, Stummfilmpornos etc. zeugen davon. Und spätestens seit es Anzeigenblättchen gibt (und die gibt es schon einige Zeit), war auch das nach speziellen Fetischen sortierte Zusammenfinden möglich. Aber waren das damals so viele, die ihre Phantasien ausgelebt haben? Hatten so viele so viele Phantasien? Oder entwickelt sich die Spiellust parallel zur Möglichkeit, davon zu erfahren?
Ich jedenfalls musste und muss immer wieder und immer noch den ein oder anderen Begriff, der in den entsprechenden Kontaktanzeigen des Stadtmagazins oder damals bei Lilo Wanders zu finden war und ist, erstmal im WWW recherchieren. Beziehungsweise: Ich kann recherchieren. Kann mich desinteressiert oder angeekelt abwenden oder merken, wie mir bei der Beschreibung das Blut in die Hose rutscht. Meine sexuellen Phantasien wären ärmer ohne das Internet.
Hat Mutti also recht, wenn sie sagt, das sei alles eine Mode, die von den Medien erzeugt wird?