Frühsport

20.08.2007 Misc #Storys

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Jeden Morgen dasselbe. Man steht auf, nachdem man den Wecker fünfzehnmal ausgemacht hat, viel zu spät eigentlich, aber den Zug erwischt man bestimmt noch. Man geht ins Bad, rasieren, duschen, kacken in genau dieser Reihenfolge. Jetzt ist es noch später und mittlerweile ganz schön knapp. Du kennst den Weg. Im Stechschritt brauchst Du exakt sieben Minuten zum Bahnhof. Du hast noch genau drei Minuten für einen Tee und ein belegtes Brot. Du schaufelst alles in dich hinein, spülst den Brei mit dem Tee herunter. Jetzt aber los.

Man hetzt zur Tür hinaus, zwei Schritte pro Sekunde. Nicht weniger. Da vorne kommt die süße blonde angeradelt, die eine behinderte Nachbarin pflegt. Schönen guten Morgen presst Du heraus und legst noch einen Zahn zu. Den Weg des Todes entlang, wo einem Katzen tote Mäuse in den Weg legen und der übersäht ist von zertretenen Schnecken, vorbei am Kindergarten und dem Jugendzentrum. Der gleiche Weg, seit Jahren. Der Kinderhort, wo einem morgens Ansammlungen junger Mütter die Krallen entgegenstrecken. Jeder männliche Fremde ist dort ein potentieller Mörder. Immerhin sehe ich morgens auch aus wie einer.

Weitergehetzt, über die Hauptstraße. Noch drei Minuten. Den Kreisverkehr mit Insel und Begrünung haben sie aber schön hinbekommen. Hat ja auch nur vier Monate gedauert. Die Kippe glimmt im Mundwinkel während ich den Vater eines Bekannten grüße. Morgens um 9 Uhr macht der im Garten rum. Menschen mit zuviel Zeit. So langsam zieht der Stechschritt in den Waden. Egal, da musst Du durch, wahrscheinlich musst Du demnächst auch noch rennen. Verdammt. Noch zwei Minuten.

Den mürrischen alten Sack ignoriere ich heute, habe die Ohren gespitzt und lauschen nach dem gewohnten Geräusch des sich nähernden Zuges. Dieses verrauschte Heulen, dass die Tonlage ganz langsam senkt. Noch ist nichts zu hören, vielleicht muss ich heute einmal nicht rennen. Pustekuchen. Da ist es. Ich kenne meinen Bahnhof genau, ich weiß, wann es sich nicht mehr lohnt, loszurennen. Heute habe ich Pech. Denn diesen Zug kann ich noch kriegen, wenn ich jetzt losflitze. Also los.

Als ob mich der Stechschritt der vergangenen sechseinhalb Minuten nicht schon genug Wadendings gekostet hätte, jetzt auch noch die Rennerei. Ich packe das Metallgeländer und schwinge mich auf den Bahnsteig, öffne die Zugtür und falle auf einen Sitz. Pusten. Keuchen. Wenn ich doch nur einmal zwei Minuten früher rauskäme, die würden ja schon reichen. Aber nein, jeden Morgen dasselbe.

Mein Frühsport.