Elektronischer Strukturrockismus

20.08.2007 Misc Music #Techno

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Bei elektronischer Musik gibt es keine Songstruktur

schrub Björn neulich irgendwo bei sich, den Artikel finde ich nicht mehr.

Das ist nur bedingt richtig um nicht zu sagen: kompletter Unfug. Richtig wäre: bei elektronischer Musik gibt es nicht nur klassische Songstrukturen. Denn die Auflösung der klassischen Songstruktur bedeutet nicht den Wegfall jeglicher Struktur. Es geht bei elektronischer Musik nicht um den Transport von Emotionen, von der Extase vielleicht mal abgesehen. Das ist ihr aus der ihr eigenen Kälte, die von der Unnatürlichkeit ihres Klanges herrührt, auch nur bedingt möglich. Tatsächlich geht es bei elektronischer Musik vor allem um Struktur und Muster, um die Erkundung eines Klangraumes, um Spannungsbögen und um Sinneswahrnehmung und darum, diese an Grenzen und - vor allem! - darüber hinaus zu führen.

Richie Hawtin aka Plastikman, Techno-Pionier der ersten Stunde, formuliert das im Interview mit dem Pingmag so:

When working with sound, and as my songs don’t contain too much information, I kind of visualise them and place them in a three-dimensional space. For me, to fully understand how these sounds interact physically or in these virtual spaces is to go and see another artist’s representation: standing in front of a Rothko or walking around a sculpture of Serra, go towards his huge pieces of metal and get the weight of the situation. That enables me sometimes to formulate a musical idea.

Was elektronische Musik am besten kann, zeigt sich ganz schön in diesem Video von Plastikman, das vielleicht etwas lahm startet, dem man aber unbedingt Zeit geben muss. Spooky!


(Youtube Direktdisconnect)

Die Technik der elektronischen Soundmodulation und das Sampling, gepaart mit der Möglichkeit, Effekte und Sounds mathematisch exakt mit dem Computer zu platzieren (oder mit Hilfe des Computers wieder eine gewisse Ungenauigkeit zu programmieren), machen die Struktur zur Grundlage elektronischer Musik. Und man kann diese sogar sehen. Anders, als bei „klassischen“ Popsongs, sieht man auf Vinylplatten elektronischer Musik viel deutlicher die Muster, die Breaks - eben die Struktur, wenn man die Platte im Licht schwenkt, wo Rockplatten eine mattgeriffelte unstrukturierte Soße abbilden.

Aber dafür strecken Rockplatten der Welt den gereckten Mittelfinger ins Gesicht. Das ist ja auch was. Mit Struktur hat das allerdings weniger zu tun.