Melanchohol

30.07.2007 Misc #BON #Storys

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Früh morgens um sechs wird sie wach und geht die Treppe hinunter in die Küche, um ihrem Mann den Kaffee aufzubrühen und den Tee für den Sohn. Aber vorher geht sie an den Schrank, greift dahinter und g??nnt sich einen tiefen Schluck vom guten Roten, den sie dort versteckt hat. Von diesen Verstecken gibt es viele im Haus, ihr Mann nennt diese Verstecke „Nester“. Sie nimmt noch einen Schluck. Besser.

Sie geht in den Waschkeller und sortiert ein paar Kleidungsstücke, die sie am Vorabend in den Trockner getan hat. Auch dort hat sie ein Nest und sie denkt sich „Scheiß drauf“, nimmt einen tiefen Schluck Apfelkorn, der in einer verstaubten Tonne in der Ecke darauf wartet, ihr bereits morgens das Licht auszuknipsen.

Sie ist eine zierliche Frau, eher klein, nicht wirklich schmächtig, aber vertragen tut sie nichts und deshalb sind ihre Augen schon jetzt, um halb Acht, sehr klein, sehr rot und die Farbe weicht ihr aus dem Gesicht. Sie legt sich auf die Couch und macht die Augen zu. Ah. Der Rausch, der alles verdeckt und alles erträglicher macht. Ihre Mutter, die sie nie geliebt hat und ihren Bruder verhätschelte. Die ständigen Streitereien mit ihrem Mann. Sie sei eine Alkoholikerin. Pah! Ihr Mann musste sie einmal auf dem Friedhof abholen. Dort war sie am Grab ihrer Mutter betrunken zusammengebrochen. Reden kann sie darüber nicht.

Sie liegt auf der Couch und hat die Augen geschlossen als ihr Mann und der Sohn am Frühstückstisch erscheinen. Es ist mal wieder so weit, sie wissen ganz genau, was kommt. Sie steht auf und versteckt sich im Flur, steht da, wankend, mit scheelem Blick. Die Pupillen sind klein wie Nadelköpfe. Sie schielt leicht. Sie schleicht nach oben ins Schlafzimmer und wird für vier Tage dort liegen bleiben und nichts essen. Wenn sie dann wieder versuchen wird, irgendetwas zu sich zu nehmen, wird sie alles auskotzen und so wird es für weitere vier Tage bleiben, bis sie nur noch kotzen kann und keine Luft mehr bekommt. Dann wird ihr Mann die Ambulanz rufen und sie wird im Krankenhaus stationär wieder aufgepäppelt.

Jahre später ist sie in einer Klinik für Drogen- und Alkoholkranke untergebracht. Sie hat sich per Taxi eine Flasche Rotwein bestellt, es klingelt und sie macht die Tür einen Spalt breit auf, so dass sie mit ihrem abgemagerten Arm nach der Flasche greifen kann. Mit einer Hand, die eher an eine Klaue als an eine Hand erinnert. Ich gebe ihr die Flasche und nehme die 20 Mark, setze mich ins Taxi, hole Luft und schwöre, nie wieder Wein in eine Entzugsklinik zu bringen. Ich habe mich daran gehalten und diese Klaue werde ich niemals wieder vergessen.