Wenn wir (...) unsere Identität im Internet virtualisieren, ist das also letztendlich nur der Wunsch nach Unsterblichkeit? Absolut!

Hochinteressantes Interview mit Peter Weibel, Leiter des Zentrums für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe über die Zukunft des Internet:

Was bedeutet für Sie der Begriff Informationsgesellschaft?

Peter Weibel: Der Begriff kommt ja aus Karlsruhe von Karl Steinbuch von 1968, und ich glaube, dass er seine Berechtigung hat und zwar aus zwei Gründen. Weil wir ungeheuer leicht Zugang zu Informationen haben und zwar zu ungeheuren Mengen von Informationen, und weil wir sehr leicht ungeheure Mengen von Informationen distribuieren können. Diese Verteilung und der berühmte Begriff "Access" von Riffkin sowie die zunehmende Geschwindigkeit und die Menge, das alles zusammen macht die Informationsgesellschaft aus.

Was bedeutet das für die Politik?

Peter Weibel: Die Hauptkonsequenz ergibt sich meiner Meinung nach für die Zeitungen bzw. klassischen Printmedien und das betrifft auch die Politik. Schon heute lesen viele Leute kaum noch die Zeitung, weil sie dort nicht die Informationen bekommen, die sie suchen. Sie suchen und finden sie dann im Netz. Wenn etwas Bedeutendes passiert, dann haben die Leute, die dort gewesen sind, meistens ihre Informationen ins Internet gestellt, noch lange bevor eine Zeitung sie drucken kann. Deswegen lese ich lieber die Internetseite selber -- auch wenn man sich oft ein wenig bemühen muss, die relevanten Seiten zu finden.

Verliert die Print-Zeitung damit an Einfluss und ihr Monopol auf Informationsselektion?

Peter Weibel: Die Zeitungen haben mit dem Netz eine starke Konkurrenz bekommen. Das liegt vor allem auch daran, dass sie nur noch über ihre Befindlichkeiten schreiben oder im Netz abschreiben. Sie sind nicht mehr in der Lage, Informationen selbst zu erzeugen. Dadurch sinkt ihr Einfluss. Als Gegenreaktion kämpfen sie um mehr Einfluss, sie werden immer mehr zu diktatorischen Medien, die ihre Meinung durchdrücken wollen. Sie kommentieren und kommunizieren die Politik nicht mehr, sondern möchten sie selbst machen. Und dadurch entsteht eine Verschmelzung zwischen Medien und Politik, die an den Rand des Undemokratischen gerät. Wir haben heute im Grunde nur noch Staatsfernsehen und Staatszeitungen und das Netz ist das einzige Medium, in dem ich das nicht habe.

Muss es nicht hier auch Aufgabe der Kunst sein, auf diese Missstände aufmerksam zu machen?

Peter Weibel: Die Kunst macht das die ganze Zeit, es gibt viele Künstler -- hauptsächlich Netzkünstler --, die sich gerade mit diesem Thema auseinandersetzen. Wir im ZKM sind einer der wenigen, die das immer wieder unterstützen - und das ist ein echter Guerillakampf. Wenn ich dann solche Ausstellungen mache wie z.B. "Net_Condition" oder jetzt "Making Things Public", dann schreiben die Zeitungen nicht darüber. Das ist also die Kampfsituation wie damals die Samisdat (russ.= Selbstverlag; Anm. des Autors) im Untergrund. Man muss die Macht der Medien brechen, denn sie geben sie nicht freiwillig auf, und irgendwann werden wir auch gewinnen, aber bis dahin ist es eben ein langer und schwieriger Weg.