Near Death Experience

Es gab bisher drei Gelegenheiten, bei denen ich dachte, ich muss sterben. Und weil das jetzt so ein starker Eingangssatz war, soften wir das Ganze ein wenig ab und stellen uns vor, wir w?ren zw??lf und mitten im Jahr 1986. Die Russen waren noch so richtig b??se und a?en Kinder und so und Klein-Ren? war auf einem Volksfest in Darmstadt mit Spa?haben zugange, hatte sich grade von den Eltern verabschiedet um selbst auf Streifzug zu gehen durch die Massen, die sich da ihren Weg durch die Stra?en bahnten.

Booooom!

Es tat einen gar f?rchterlichen Schlag, zirka zehn Meter von mir entfernt, die Leute kreischten und rannten, hielten sich die Ohren zu und schnitten ziemlich h??liche Grimassen dazu. Der zw??lfj?hrige Ren?, grade frisch von Die rote Flut indoktriniert und ganz auf dritten Weltkrieg getrimmt, stellte sich auf einen Blumenbottich, der da irgendwo rumstand, besah sich das Chaos und sah oben am Himmel ein Flugzeug fliegen. Verdammt, dachte ich, die Russen kommen. Ich malte mir aus, wie ich mich als Partisanen-K?mpfer in den W?ldern von Beeren und Wurzeln ern?hrte, die Schulsch??nheit aus den Klauen fieser Eindringlinge befreien musste und am Ende den Heldentod sterben w?rde. Aber nix mit imaginierten Helden, tagsdrauf stand in der Zeitung, dass ein W?rstchenstand explodiert war, weil der W?rstchenkoch die verkackte Gasleitung nicht so ganz unter Kontrolle hatte.

Das n?chste Kapitel, ich wei? bis heute nicht, was ich gegessen habe. Aber ich schi? und kotzte die ganze Nacht das Klo voll. Abwechselnd. Das ging geschlagene 20 Stunden so, kackten und kotzen... die Wohnung stank zum Himmel und wie das aussah, man glaubt es nicht. In den Pausen dazwischen lag ich mit vor dem Bauch zusammengepressten H?nden auf meinem Bett und dachte, beim n?chsten Durchgang (sic!) w?rde ich meine Innereien ausspeien und in der Tat kam irgendwann nur noch Zeug heraus, das merkw?rdigerweise an Eidotter erinnerte. In dieser Nacht kotzte ich mindestens f?nfzig mal und schi? genauso oft und am Ende stellte sich das ganze als eine harmlose Magen-Darm-Grippe heraus. Die dumme Sau.

Die dritte Near Death Experience fand irgendwann letztes Jahr statt. Irgendwann wurde ich kurzatmig, das Luftholen tat mir weh und zwar genau auf einem bestimmten Punkt rechts in der Lunge. Verdammt dachte ich, jetz isser also da: der verkackte Lungenkrebs. Wer meine Rauchgewohnheiten kennt, d?rfte verstehen. Ich habe 30j?hrige kennengelernt, die ein Jahr sp?ter vom Krebs aufgefressen waren, und ich sollte der n?chste auf seiner Liste sein. Ich konnte nicht mehr schnell gehen, Luftholen bereitete mir Schmerz, nur noch sehr flaches Atmen war angesagt und auf dem H??hepunkt dieses Alptraums lag ich auf dem Bett, bekam keine Luft mehr und dachte: aus, das wars. Tsch?ss, sch??ne Welt. Ich armer Wicht. Im Gedanken verfasste ich schon meinen Nachruf und mein Testament, ?berlegte, wem ich die Zugangsdaten f?r mein Blog zukommen lasse, um darin irgendso ein Dings zu hinterlassen und ging schlie?lich zum Arzt.

Es war ein eingeklemmter Nerv, der auf meine Lunge dr?ckte und mir deshalb bei jedem Atemholen Schmerzen bereitete. Dieses Arschloch.

Bis heute erfreue ich mich einer, ahem, anst?ndigen Gesundheit und bin trotz meines Lebenswandels mit zuviel Alkohol und Kippen einigerma?en agil. Manchmal w?nschte ich mir, diese drei Begebenheiten h?tten mir mehr Respekt vor meinem K??rper beschert.

Prost! Hat jemand ne Kippe?

Bonusdeath

Mir wurden bisher drei von vier Weisheitsz?hnen gezogen. In zwei Sitzungen. Eine davon vollzog eine Zahn?rztin, die mir mit viel Gef?hl und Einf?hlungsverm??gen gleich zwei der tiefverwurzelten Arschl??cher aus dem Kiefer operierte. Mein Kiefer war f?r zwei Stunden traumatisiert, ich spuckte ein wenig Blut und dann war es gut. Ohne Folgebeschwerden.

Den dritten zog ein Metzger. Der fuchtelte mit seinen behaarten Armen in meinem Rachen herum und zog mit einer Zange unter gar f?rchterlichem Schmerz den dritten verbliebenen Weisen. Danach rannte ich eine geschlagene Woche mit einem geschollenen Kopf herum, der eines Charlie Brown mehr als w?rdig w?re. Und, das geh??rt dazu, spuckte und schluckte Blut ohne Ende, um es dann wieder auszuscheiden. Es verging kein Morgen, ohne einen vern?nftigen Morgenstuhl mit dunkelgerinntem Blut und nachts dachte ich, am Blutstrom zu ersticken. Das geronnene Blut verklebte mir den Gaumen. Ich ?berlebte den Metzger und die gezogene Weisheit.

Aber einen hab ich noch, einen nicht gezogenen Weisheitszahn. Und ich will nicht wissen, wie der irgendwann den Abgang macht. Ich will es - echt - nicht - wissen. Bei Weisheitsz?hnen emfpehle ich jedenfalls weibliche Oralchirurgen. Die sind einf?hlsamer. Ganz im Ernst.