Barfußschlapper vs the Öffentliche Verkehrsmittel Werbebeklebung

Gepostet vor 9 Jahren, 2 Monaten in Misc Share: Twitter Facebook Mail

Vorhin im Zug: wie kann man die Bild-Zeitung nur so angestrengt lesen, wie der junge Mann da im Blaumann vor mir? Ich verkeife mir den Drang, ihm die Bild-Zeitung zu entreißen und wie wild damit auf ihn einzuschlagen und zu rufen: "Du sollst keine Bild-Zeitung lesen! Du sollst keine Bild-Zeitung lesen!", sondern konzentriere meinen Blick auf die brünette Schönheit links gegenüber. Sie unterhält sich mit ihrem Handy und wenn sie das nicht tut, schaut sie es an.

Der Vorteil am Sommer ist ja, das ist allgemein bekannt, das der weibliche Teil der Bevölkerung sich luftige Kleidchen über den Körper wirft und jubelt: "Jaa, es ist Sommer" und der männliche Teil rennt mit Bermudas, T-Shirts und Sandalen durch die Gegend und denkt sich beim Anblick der luftig bekleideten Mädchen: "Wie gut, das es wieder Sommer ist!"

Der Nachteil des Sommers liegt übrigens ebenso auf der Hand: heiße Füße. Gegen heiße Füße hilft nur eine Wanne mit kaltem Wasser unter dem Schreibtisch oder Barfußrumlaufen. Und ich bin ein Barfußdurchbürogeher. Sobald die Temperaturen an der 30°-Marke kratzen, fliegen die Socken und die festen Schuhe und Rene latscht mit nackt entblößten Unterleibsextremitätenenden durch die Gegend, auch im Büro. Ich kenne keine Gnade. Das klatscht auf den kalten Steinplatten wie Sau, aber die Kühlung meiner Füße ist mir ein wichtigeres Bedürfnis, als das traumatalose Leben meiner Büromitmenschen. Bis jetzt haben sie mich deshalb nur als "Hippie" beschimpft.

Ich weiß ja nicht, ob Hippies oft auf Hausbooten leben, aber auf dem Main, der jeden Morgen unter mir durchfließt, liegen Boote an Stegen und jedesmal stelle ich mir bei ihrem Anblick vor, auf einem Hausboot zu wohnen, genau wie Martin Riggs aus Lethal Weapon oder Crockett aus Miami Vice. Auf Hausbooten wohnen ja bekanntlich nur Haudegen und ich bilde mir manchmal ein, ich wäre einer, so ein Haudegen, die trinken und werkeln und kriegen alle Frauen und tragen trotzdem diese diffuse Melancholie mit sich herum, was von vollflächigen Werbebeklebungen öffentlicher Verkehrsmittel herrühren könnte (Überleitung, Überleitung!)

Das größte Verbrechen an der Menschheit sind übrigens vollflächige Werbebeklebungen Öffentlicher Verkehrsmittel. Das sind die Flashlayer unter der Außenwerbung. Da laufen draußen im Sommer die hübschesten Mädchen vorbei, und man sieht sie nur durch blöde kleiner Löcher, damit draußen auf der S-Bahn irgendein Dings für irgendein Bumms werben kann. Als hätten S-Bahnen nicht genug Werbeflächen unter den Fenstern. Wäre ich nun ein echter Haudegen, ich würde aufspringen, zum S-Bahn-Fahrer laufen und ihm mit geschwollenem Halse etwas von Komfort vortragen, der durch die aufgezwängten Gucklochwerbedingsbums doch extremst eingeschränkt ist. Muss man sich doch, aufgrund des allzuverwerten Blickes auf die Umwelt dem morgentlichen Pack zuwenden, dass da mit einem in der Straßenbahn durch die Stadt gondelt. Und das ist nur selten ein schöner Anblick.

Da kann ich es sogar fast verstehen, wenn man seine Nase in die Bild-Zeitung steckt oder sein Handy anstarrt. Aber nur fast. Ich guck lieber raus, auch wenn ich nicht allzuviel sehe.

Tags: Storys

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