Sonnige Aussichten

18.06.2007 Misc #Storys #Sun

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Gibt es eigentlich ein Wort für das Stroboskop der Sonne, wenn sie während der Zugfahrt hinter den Bäumen verschwindet und wieder erscheint, und das zehnmal in der Sekunde? Würde man die Zeitspannen messen, in denen die Sonne durchs Zugfenster scheint oder der Schatten eines Baumes auf die montägliche Matschbirne fällt, man erhielte eine wunderbare Gaußsche Normalverteilung, durchsetzt von großen Flächen, in denen man durch ein waldloses Gebiet fährt oder durch eine Unterführung. Manchmal schiebt sich auch eine Wolke vor die Sonne und dann ist es sowieso Essig mit dem Dingsbums, für das es kein Wort gibt. Ich hab da mal eins erfunden:

Sonnenblinzeln.

So ein Sonnenblinzeln ist morgens wirklich sehr erquicklich. Da hockt man im Zug, hat einen Kater von dem ein oder anderen Bier vom Vortag und denkt so bei sich: „Verdammte Kacke, dieser alte Sack hat doch keine Ahnung, aber immerhin blinzelt die Sonne angenehm durch die Bäume, das ist doch schonmal was” und das ist doch schonmal was, dann kann der Kater ja gar nicht so schlimm sein, wenn man sich so tolle Worte ausdenken kann. Und die zwei Damen gegenüber sind ebenfalls nett anzuschaun, die eine blond, die andre braun.

Leider liest eine der beiden in einer Illustrierten („Die Neue”), eine weibliche Eigenschaft die ich noch niemals nicht verstanden habe und die ich bisher immer dem, sagen wir mal, hausfraulicheren Teil der Bevölkerung zugeschrieben habe. Aber nö, diese Dame ist vielleicht Ende Zwanzig, durchaus hip gekleidet und liest die neuesten Ehekrachverschwörungstheorien aus dem Leben von Beckenbauerbohlenborggottschalk. Ich versteh das nicht, da gibt es so interessante Dinge wie die Gaußsche Normalverteilung oder meinzwegen auch das Paarungsverhalten von Borkenkäfern im Mai, und die Dame liest, was Franz Beckenbauer so unter der Decke treibt. Als ob sie das etwas anginge.

Die andere Dame ist mit ihrem Handy zusammengewachsen, was noch viel schlimmer als das Liebesleben von Franz Beckenbauer ist. Da sollte David Cronenberg mal einen Film drüber machen: Über mit ihren Handys zusammengewachsene Frauen, die symbiotisch mit ihrem Telekommunikationsanbieter eine Zweckgemeinschaft leben, um die Weltherrschaft zu übernehmen. Ich würde dann den Helden spielen, der die Telekommunikationsunternehmen allesamt in die Luft sprengt (Terrorist, ha!), die zweitausend Damen von ihren Handys befreit und fortan in Überfluss und Völlerei lebt wie Hugh Heffner in seiner Bunny-Mansion.

Auf was für Ideen einen so ein wenig Sonnenblinzen bringen kann, ist schon erstaunlich. Manche bekommen epileptische Anfälle, andere träumen von zweitausend Mädchen. Die Menschen sind eben unterschiedlich, da kann auch keine Blinzelsonne was machen.