Getarnte Nazis

28.05.2007 Misc #Nazis #Storys

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Letztes Jahr, WM Eröffnungsspiel. Beim Erklingen der Hymne springt ein Bekannter meines Vaters auf und macht den Hitlergruß. Das fand ich nicht witzig und sagte das, laut und bestimmt in die Runde: "Find' ich nicht witzig, diese Nazischeiße." Nachdem die Bagage ein paar Zentimeter kleiner und weg war, fragte ich meinen Vater: "Was war das denn für ein beschissener Nazi?" - "Ach, das war doch ein Witz, der is' nicht so." - "Bei sowas kenn' ich keinen Spaß, hat man gemerkt, wa?" - "Ja, hat man."

Im Vorfeld der WM gab es diese Diskussion, man könne sich doch einen holländischen (?) Trainer ins Land holen, hei, da war das Geschrei aber groß bei einem meiner Bekannten. Wie das angehen könne, fragte er, und was das solle! Sowas gäbe es ja auch nur bei uns, dass man einen ausländischen Trainer ins Land hole und was das solle! Woanders gäbe es das nicht, meinte er, in Italien trainierten Italiener und in England Engländer. Ob ich denn auch nicht was dazu sagen wolle. "Matthäus trainiert USA und Winfried Schäfer trainiert Kamerun und jetzt lass mich mit dieser braunen Scheiße in Ruhe" sagte ich und J. hielt auch tatsächlich die Klappe.

Als ich mit meinem Nachbarn ins Krankenhaus fuhr und der auf dem Parkplatz fünf türkisch aussehende Jugendliche als "Parasiten" und "Kanacken" beschimpfte, fiel ich ihm ins Wort mit: "Ich will deine rechte Scheiße nicht hören!" Worauf er beteuerte, nicht rechts zu sein. Er sei doch kein Nazi. Nun.

Ich bin, was rechtslastige Aussagen betrifft äußerst intolerant. Ich benutze das Wort "Nazi" auch mal für mich - dem Musik-Nazi. In der Form könnte man auch sagen: ich bin ein Nazi-Nazi. Ich lasse rechtes Dummgeschwätz in meiner Umgebung nicht zu. Natürlich: stünde ich einer Bande Skinheads gegenüber, ich würde eher flitzen als stolz auf die Fresse bekommen. Aber in meiner Umgebung, bei Menschen die ich kenne, da mach' ich mein Maul auf, sobald auch nur der Hauch von rechten Gewäsch im Gespräch aufkeimt. Das geht auch in Blogs.

Wie gut, dass manche politisch inkorrekte Intolleranz genauso behandeln. Danke Stefan.

[nachtrag] Kommentar des Tages dazu:

Letztlich ist es egal, ob es um den Islam ("Das sind doch alles Terroristen"), Schwule ("Das sind doch alles Kranke/Perverse"), Kleidung und Lebenseinstellung [...] geht, anderen das Recht einzuräumen, zu leben wie sie es für richtig halten, scheint zuviel zu sein für schlichtere Gemüter.
Jede Entgegnung wird als unzumutbare Provokation aufgefaßt, was letztlich auch ein Hinweis auf den Ursprung dieser Verhaltensweisen ist: uneingestandene Angst vor der eigenen Dummheit, die einem die Welt so groß und gefährlich erscheinen läßt, daß man eben "aufräumen" muß.