Retro no more!

Pophistorische Beobachtungen eines detailiert nicht weiter informierten, doch aber mit umfassender Generalkenntnis ausgestatteten Popfans.

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(Foto: Mediaeater)

Es dürfte jeder seit ein paar Jahren bemerkt haben: musikalische Trends, Hypes, kehren immer schneller wieder. War der Punk in den Siebzigern im Grunde eine Wiederkehr des ursprünglichen, inventarzerlegenden Rock'n'Roll aus den Fünzigern, so war Techno in den Neunzigern eine Melange aus Motiven der Hippie-Bewegung (Love, Peace, Unity), der Musik der Siebziger (Disco, Kraftwerk) und neuen technologischen Soundmöglichkeiten. In diesem Jahrtausend fand diese Retro-Hype-Machine eine immer größere Beschleunigung - mit den Strokes in die Sechziger, mit den White Stripes in die Siebziger, mit Maximo Park in die Achtziger, mit Kasabian in die Neunziger, das alles in nur circa sieben Jahren und das Wörtchen "Retro" verliert dabei langsam aber sicher seine Bedeutung in diesem immer schneller um sich kreiselnden Musikzirkus.

Innovative Klänge im Pop gingen immer mit technologischen Innovationen einher. Die E-Gitarre brachte dem Blues den Rock'n'Roll bei, der sich im Verlauf von 1950 bis 1980 immer neuen Ästhetiken unterwarf. Die Elektronik brachte den selbstverliebten Klangspielereien der "Neuen Musik" den mathematisch exakten Groove und führte durch den Computer zum Musikkonzept Techno. Lediglich der Rap war eine nicht-technische Innovation Ende der Siebziger, die aber doch nur eine andersgeartete Stimmästhetik einführte, letztlich also doch technisch ist, genau wie die DJ-Kultur eine neue Ästhetik des Klangteppichs und des Turntablism - Komposition mit Plattenspielern - einführte. Seitdem finden lediglich Grenzüberschreitungen statt. Neo-Electro-Folk mit Countrysprengseln, anyone?

Solange keine radikal neuen technischen Konzepte in Sichtweite sind, wird sich die Spirale um Wiederholung der musikalischen Motive immer schneller drehen, und das ist in keinster Weise negativ zu bewerten. Mercedes formuliert das so:

Die gerne vorgetragene Beobachtung, dass wir in einer Zeit leben, in der alles nur noch Retro wäre, in einer Zeit, in der nichts "eigenes" los ist, weil alle - so sagt man - noch auf das neue Jahrtausend warten und sich solange die Zeit damit vertreiben, das Archiv aufzurufen: Stimmt nicht. Denn dieses Retro ist gar keines. Das Archiv wird nicht nur anders benutzt als früher, die Musik ist auch so auf den Punkt gebracht, besticht durch ihre Präzision und ihre Konsistenz, dass man sich darin ausstreckt und wohl fühlt. Das ist kein billiger Abklatsch, es ist keine einfache Wiederholung - das alles, das ist weit mehr als einfach nur Retro.

Und da ist viel Wahres dran. Erfolgreiche Musik ist heuer erstaunlich gut. Es ist ja modern geworden, eine Band wir Coldplay uncool zu finden. Nun. Ich finde sie immer noch großartig. Sie brillieren im Pop und sind eine der größten Bands derzeit. Oder die White Stripes. Oder Maximo Park. Oder Bloc Party. Die Artic Monkeys. Alles Bands, die zwar im Mainstream angekommen sind, dort aber immer noch am Rand, dafür aber äußerst erfolgreich, entlangsurfen. Selbst ein Phänomen wie Pete Doherty, der mit den Libertines und Babyshambles doch eher mainstreamunkompatible Alben veröffentlichte, schmückt das Boulevard. Na gut, das ist natürlich Kate Moss geschuldet, aber die Tatsache, dass der moderne Sid Vicious massenkompatibel geworden ist, ist dennoch erstaunlich.

Vielleicht ist es tatsächlich so, dass die Popkultur in einer Zeit angekommen ist, in der rein kommerzielle Marketingstrategien wie alle Castingsternchen egalitär neben Arschtretern, Rüpeln und Menschen mit seltsamen Frisuren zusammenleben können. Natürlich zeigt man sich gegenseitig gerne mal den Stinkefinger, aber der ist ja spätestens seit Stefan Effenberg ebenfalls im Mainstream angekommen.

Tatsächlich ist das oft gebraucht Schimpfwort "Retro" gar kein Schimpfwort, denn hier passiert tatsächlich neues. Weil wir in absehbarer Zeit keine neue Technologie bekommen werden, die innovative Klangspektren erzeugen wird - oder erwartet tatsächlich jemand neue Frequenzen aus Gentechnik? -, werden wir genau mit dem rumspielen müssen, das in den letzten, sagen wir mal, 200 Jahren erfunden wurde. Der Klang hat genau die Bandbreite, wie die Welt, in der wir leben. Und mit der Technik des Samplings haben wir genau diese Bandbreite urbar gemacht. Und genau dies geschieht. Ausufernde Instrumentals sind mit Sigur Ros oder Mogwai genauso erfolgreich, wie der knackige Punk-Pop der Rakes oder der Electro-Chique von Simian Mobile Disco.

Alles fusioniert unter dem seltsamen Decknamen "Indie", der eigentlich nur dazu gebraucht wird, um die Werke echter Musiker von denen abzusetzen, die am Reißbrett in den Büros der Marketingabteilungen entstehen. Mit dem ursprünglichen Gedanken, der alternative zu den Major-Labels hat das nichts mehr zu tun. Das Label ist heute herzlich egal. Denn es geht nur noch um die Musik, nicht mehr um das Geschäft. Und wenn das keine gute Entwicklung ist, dann weißich auch nicht.

Retro rules, because it's no more.