Land der Dichter und Denker

Heute morgen hatte ich das zweifelhafte Vergnügen, an einem äußerst amüsanten Werbeplakat vorbeizufahren. Oder: heute morgen hatte ich das äußerst amüsante Vergnügen, an einem zweifelhaften Werbeplakat vorbeizufahren. Das Adverb „äußerst“ könnte man nun noch zwischen Haupt- und Nebensatz hin- und herdengeln, aber darum geht es ja nicht.

Auf dem Plakat waren drei Kinder zu sehen, eine Frau, die Grundschullehrerin mimte, ein Knut-Kuscheltier und der Chefkoch aus den Muppets. Kein Scheiß! Eins der Kinder lugte misstraurisch unter den Achseln des Chefkochs hervor, das Kind in der Mitte hatte eine seltsame schwarze Halskrause - vielleicht war es doch nur ein Rollkragenpullover - und schaute bewundert ein Mädchen an, das seinen Finger halbherzig in die Höhe streckte. Im Anschnitt des Plakats schauten zwei Arme eines Kindes hervor, dass einen rot-weiß-gestreiftes Shirt anhatte, was ja nett ist, denn das Plakat machte Werbung für Hessen. Und das netteste am Ganzen war die Überschrift: „Das Land der Dichter und Denker!“

Hessen verpasste sich 2004 ein neues Logo und bezahlte für fünf rote Streifen günstige 155000 Euro. Wer wie ich weiß, wieviele Sitzungen, Präsentationen und wieviel Politik hinter einem Logo für ein Bundesland stehen, den verwundert diese Zahl nicht wirklich. Ich kann mir auch sehr gut vorstellen, dass der Etat hinter dieser neuen Kampagne für Hessen ähnlich hoch ist.

Was mich wundert:
1. Knut wohnt doch in Berlin, oder etwa nicht?
2. Was hat der Chefkoch aus der Muppetshow mit Dichtern zu tun?
3. Hat der rot-weiß-gestreifte Pulli des nicht sichtbaren Kindes etwas mit dem Logo zu tun und warum ist es dann angeschnitten?
4. Warum ist die Knut-Puppe so schlecht auf den Tisch gephotoshoppt?
5. Warum sieht der arabisch-aussehende Junge dem Mädchen so bewundernd beim Melden zu?
6. Warum schaut der andere Junge so misstraurisch?
7. Warum sieht das Laptop auf dem Tisch nur aus wie ein Laptop, ist aber in wahrheit ein schepp aufgeklapptes Buch?

Die Sekretärin von Heinz so „Du, da muss ein Knut rein, der is doch so süß und so und das finden doch alle.“
Heinz dann so: „Ja, aber irgendwie müssen wir auch seriös sein, also besorg mir mal ein Araber-Kind.“
Die Sekretärin so: „Ja, na klar, aber das deutsche Kind sollte schon hervorstechen irgendwie.“
Heinz so: „Selbstredend. Außerdem müssen wir modern sein: ein Computer muss her!“
Die Sekretärin so: „Aber das Budget geht doch schon zu 99% für Schnittchen drauf!“
Heinz so: „Dann nimm halt ein Buch, merkt doch eh keiner!“

Und so weiter, man kann sich den Rest denken. Das Land der Dichter und Denker. An Hessen führt kein Weg vorbei. Meine Fresse.