Ich blogge wie ich rede - oder umgekehrt?

Seitdem ich blogge, benutze ich Worte, die vorher nie in den Mund nahm. Das Wort „Worte“ zum Beispiel. Früher hätte ich für diesen Plural das schnoddrige „Wörter“ eingesetzt. Nach einer Weile von diesem Blogdings geht das aber gar nicht mehr so einfach: im echten Leben eine Schnodderschnauze raushängen zu lassen, will man nicht mehr so recht. Wenn man seine Gedanken täglich ins Web kritzelt, dann gewöhnt man sich furchtbar schnell daran, seine Artikulation bewusster zu konstruieren. Und schneller als man denkt, schreibt man nicht nur wie man redet, sondern man redet auch wie man schreibt.

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Foto: Apreussler

Neulich saß ich mit einer Freundin zusammen, die ich lange lange nicht mehr gesehen hatte. Sie arbeitet im Außendienst für einen Kosmetikkonzern und verdammt, was bin ich froh, dass ich blogge und nicht im Außendienst für einen Kosmetikkonzern arbeite, denn sie redete mit mir wie mit einem Kunden. Äußerst förmlich, irgendwie so äußerst scheiß diskret. Ich empfahl ihr eine Platte von den Brakes und eine ordentliche Portion Geschlechtsverkehr.

Die Bäume fliegen vorbei und ich rase, rase mit einem Affenzahn und hoffe inständig, dass es mich nicht aus der Bahn wirft. Aber diesesmal, ja, diesesmal sitze ich fest im Sattel und bin nochdazu festgeschnallt. Die Sonne blinzelt einem ins Gesicht durch die Lücken im Wald, ich blinzle zurück und werde etwas nervös, weil sich dieses hübsche Mädchen einen Platz direkt vor mir ausgesucht hat. Ich konzentriere mich auf den Text, entferne ein wenig Staub vom Display und tippe weiter.

Im besten Fall betrachte ich Blogs als Kunstwerke, mal mehr, mal weniger elegant kommen sie daher, mal mit ausgerotzten, mal mit schwungvoll hochtrabenden, mal mit vor Pathos triefenden Wortwulsten ausgestattet. Mal mit Nonsense, mal mit Knowhow kommen viele daher, mal mit Fun, mal mit bittrem Ernst, der einem einen Kloß in den Hals presst. Alles davon ist super, aber manchmal muss man eben über's Bloggen bloggen.

Mein iPod spuckt Mike and the Mechanics „All I need is a Miracle“ aus und ich klicke das Teil schnell in Nirvana. Billy Bragg & Wilco - „Way over Yonder in a Minor K“. Du darfst bleiben heute morgen. Der Main fliegt unter mir vorbei, ich schaue auf die angelegten Boote und male mir aus, auf einem Hausboot zu leben. Ich unterwerfe die Skyline, die dumme Drecksau frisst Staub. Du gehörst mir.

Blogs als Spielplatz, Blogs als Schreibschule, Blogs als Therapie, Blogs als Kunst, Blogs als Kontaktanzeige. Ich habe über das Bloggen Leute kennengelernt, die so genau auf meiner Welle liegen wie viele anderen im sogenannten echten Leben nicht. Vielleicht ist es die Eigenschaft des Netzes, jegliche physische Barrieren einzureißen, alle Hindernisse aus dem Weg zu räumen, die zusammenwachsen lässt, was eigentlich schon immer zusammengehört. Nicht leiden kann man sich hinterher immer noch.

Ankunft Frankfurt Hauptbahnhof. Das hübsche Mädchen ist zwei Köpfe größer als ich und packt ihr Sydney Sheldon-Buch zurück in ihr weißes Handtäschchen. Mit Blogs wär mir das nicht passiert.