Rage

11.03.2007 Misc #Storys

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Meine Kindheit, scheiße, sie begann nicht besonders prickelnd. Mit eineinhalb Jahren kam ich für 3 Monate zu einer Pflegefamilie, aus was für Gründen auch immer, ich will sie nicht wissen. Danach landete ich bei den Menschen, die ich ab dem Moment, ab dem ich reden konnte, meine Eltern nannte.

Ich war schon immer kleiner als alle anderen. Ich war nie der Kleinste, aber ich gehörte dazu, zur Riege der Kleineren. So bin ich gewachsen, so ist es gut. Ich war nie besonders kränklich, dafür aber hatte ich schon als Kind einen Bauchansatz und Angst vor meinem Vater. Ein herrschsüchtiger Tyrann, nicht gewalttätig, aber groß und bärtig und schlimm genug. Erst spät konnte ich ihm die Stirn bieten, und die biete ich ihm seitdem. Bis heute.

In der Pubertät bestand ich ausschließlich aus Pickeln, weshalb ich viel las und viel sah und keine Weiber hatte. Ich sah, neben Filmen, Wichser, die mich fertigmachen wollten, "Freunde", die mir das Knie in die Eier rammten und "Feinde", die mir gute Bücher nahebrachten. Im Alter von 12 sind das Romane von Stephen King. Ich weidete mich an Carries Rachefeldzug durch ihre Schule und stellte mir jedes einzelne Arschloch dabei vor, wie ich es alleine mit der Kraft meiner Gedanken zu Klump machte. So ist das. Willkommen in meinem Leben.

Als zwölfjährige Schülerin hat man es übrigens im Sommer nicht leicht. Wir hingen wie Weintrauben an den Weibern mit den dicksten Brüsten (jawohl, mit 12) im Schwimmbecken. Sie war die Frucht, wir hingen daran und jeder versuchte, seine Hand, und sei es nur für eine Sekunde, um ihr Fleisch zu legen. Als zwölfjährige hat man es im Sommer nicht leicht, wenn man zwölf und vorreif ist und mir gelang es immerhin ein paar mal, meine Hand um ihre Brust zu legen. Wir waren eklig, wir waren Jungs, und ich war einer der kleinsten und bekam bei jeder Gelegenheit eine Breitseite ab. In diesem Alter lernte ich, was ein Arschloch ist.

Ich wurde 16, hatte mitterweile mal mit einer geknutscht, die sich dem wandelnden Pickel erbarmte, dem schonmal einer auf der Nase wuchs. Und ich rede nicht von kleinen Pickelchen, ich rede von Hubeln, so groß wie die Daumenkuppe, von Geschwüren, von Exzemen. Ich hatte keine leichte Jugend und hörte den Ausruf "Ihhh" mehr als einmal, als ich den Schulbus betrat. Schließlich wuchsen mir Haare, nicht nur am Sack, da aber zuerst. Haare wuchsen mir überall und es ist leichter, die Stellen zu beschreiben, wo sie nicht wuchsen: an meiner Handflache, an der Fußsohle, auf Teilen des Rückens und an den Standard-Gesichtsstellen. Der Rest ist bis heute haarig. Keine Gute Vorraussetzung für Sex in den Neunzigern, dem Jahrzehnt, das sich vor allem dadurch auszeichnet, unbehaart und glatt zu sein. Immerhin, ein paar mal habe ich sie rumgekriegt.

Ich habe gelernt, dass nicht alle Frauen auf Haare mit Abscheu reagieren. Nichtmal die Schönsten. Aber den Spruch, ich sähe aus, wie eine Spinne, den musste ich mir schon mehr als einmal anhören. Immerhin: ich hab sie trotzdem mehr als einmal gefickt.

Ich habe meine Großmutter zuhause sterben sehen, nachdem sie meine Mutter mit Schimpfworten überhäufte und ich nicht anders konnte: ich war froh, als sie tot war. Meine Mutter hat trotzdem mit dem Trinken angefangen, da konnte der Tod meiner Oma leider auch nix dran ändern. Seit dem betrinkt sich meine Mutter alle zwei Monate ins Koma und kotzt ihre Wohnung voll.

Schließlich landete ich, nachdem ich meine Schule geschmissen hatte, auf der Straße und lernte die Menschen kennen, die mir alles beibrachten. Wann man zugreift. Das Kiffen. Wann man zuschlägt. Wann man es bleibenläßt. Das Trinken. Ich lernte, dass man zunächst den Schmerz begreifen muss, der das Leben ist, um wirklich zu leben. Ich lernte, dass das Leben eine ganze Menge, fuck, eine ganze Wagenladung voller: Schmerz ist, durchsetzt von einigen der klaren Momente, in denen man erkennt, wovon alles handelt. Warum alles lebt. Und warum es schön ist. Der Kontrast ist es, der uns sehen lässt.

Ich habe danach die Schule mit Auszeichnung bestanden, meine Ausbildung ebenso, weil ich es konnte und weil es mir ganz einfach sowas von leicht fiel. Ich wurde gefeuert, weil ich rebelliert habe gegen verstaubte Zeitungshierarchien und wurde eingestellt, weil ich gut war. Ich habe Frauen gefickt, die aussahen wie Brooke Shields.

Meine Wut ist mein wunder Punkt, ist die Narbe, die nie verheilt und die Stelle in mir, die mich unverwundbar macht. Aus meiner Wut beziehe ich Kraft, Tränen und Talent. Meine Wut ist nicht gespielt, denn ihre Wurzeln schlagen in genau dem Morast, den andere nie kennenlernen werden. Meine Wut liegt tief vergraben unter dem Schutt der Vergangenheit. Ich bin durch die Scheiße gewatet und habe in Blut gebadet. Ich habe Dinge gesehen, die andere niemals sehen oder verstehen werden. Ich habe Dinge erlebt, an denen manche zugrunde gegangen wären.

Meine Wut spuckt und furzt und stinkt. Es ist ganz egal, wohin ich abbiege, meine Wut kommt mit mir. Denn Sie ist mein bester Freund und sie ist mein größter Feind. Und von alledem hast Du keine Ahnung. Das bin ich. Das ist mein Leben. Und es ist gut so.

Und davon hast Du: keine Ahnung!