Von Werbung, Kommerz, Konzernen und Blogs (2)

Gepostet vor 9 Jahren, 5 Monaten in Misc Share: Twitter Facebook Mail

In den letzten Woche kam viel zusammen. Das Schlämmerblog zog am Bildblog vorbei. DSDS- und PSP-News sitzen Nutzerzahlentechnisch ganz vorne. Johnny und Sascha Lobo starten ihr Adical Werbenetzwerk und ich lasse ein paar Einträge von Sony bezahlen. Da kann einem schonmal was überlaufen.

Vor 8 Monaten schrieb ich:

Was ich weiß: ich bin nicht käuflich.

Nun, so denke ich nicht mehr. Zu diesem Text stehe ich auch heute noch, hört sich ja auch schick an, so ein Satz, nur weiß ich heute, dass er Unsinn ist. Ich relativierte ihn bereits vorher im Zuge der Opel Geschichte. Und das hat damals keine Sau interessiert. Auch, als ich dann zunächst an der Zippo-Aktion teilnahm, Google-Ads schaltete, Amazon-Banner platzierte, meine Wunschliste veröffentlichte - immerhin steht Amazon in der Kritik, gegen Datenschutzbestimmungen zu verstoßen oder Softwarepatente an sich zu reißen -, es hat wieder kein Schwein interessiert. Und jetzt fliegt mir die Sony-Sache um die Ohren. Na schön, ich habe damit gerechnet, und die Kritik von Stefan nehme ich dankend an. PR-Sprech will ich in Blogs auch nicht lesen und noch weniger schreiben. Gut, shit happens. Weitermachen.

Welchen Schuh ich mir allerdings nicht anziehe, ist die allgemeine Annahme, ich dürfte nicht schreiben was ich wollte. Das ist pure Spekulation und das Gegenteil ist wahr: wir haben keinerlei (!) Beschränkungen. Uns wurde nur gesagt, wir sollen die Playstation nicht ausschließlich (!) runtermachen. Auch, dass der Deal mit Sony auf Beziehungen Nilz' zum Konzern beruht, ist für mich kein Anlass für Boheieiei. An meinen Idealen, dem Glauben an unbedingte Freiheit der Ideen und der Kreativität tut diese Sache keinerlei Abbruch. Manche Menschen mögen das nicht glauben können, auch gut, alleine ich weiß, dass ich mich einen Dreck um Sony oder ihre Außenwirkung schere.

Wenn sie mir die Kohle auf den Tisch legen, dann nehme ich sie. Und eine PS3 und eine PSP gleich mit. Ich wäre ziemlich bescheuert, wenn ich das nicht täte und Sony bekommt damit keinen Deut mehr Respekt von mir. Und wenn Sony mit solchen Aussagen ein Problem hat, dann haben sie ein Problem mit Blogs und dann sollten sie auch keine Werbung darin machen. Also muss ich davon ausgehen, dass, wenn sie das tun, ich schreiben kann, was ich will, dass sie wissen, auf was sie sich einlassen und dass es okay ist.

Nilz bringt das recht passende Beispiel einer Indie-Band, die einen Major-Vertrag angeboten bekommt und unterschreibt. Nun, es geht hier zwar nicht um einen Vertrag über ein Album - im Vergleich zu 2700 Postings auf Nerdcore machen die Sony-Dinger nicht mal ein Prozent am Content hier aus, das reicht vielleicht für einen Takt einer B-Seite, nur um die Dimensionen mal gradezurücken - dennoch passt das Beispiel ganz gut, denn eines haben Blogs und Bands gemeinsam: Fans. Und der Ton einiger Äußerungen in meinen Kommentaren deuten auch wirklich darauf hin, das es sich um "Fanatics" handelt.

Die Schärfe der Diskussion, die, wie Eingangs erwähnt, nicht erst seit Freitag und nicht nur bei mir läuft, erschreckt mich nicht, was mich aber wie Jens erstaunt, ist, dass hier tatsächlich gekämpft wird, als gälte es, eine bestimmte religiöse Lesart der Blogs zu verteidigen. Das Vokabular der Verteidiger, die sich dann auch stilecht als Kreuzritter ablichten lassen, reicht dann auch von "Reinheit" bis "Reformorden". Bullshit. Religion ist ganz allgemein und glaubensunabhängig ein Konzept, mit dem ich nichts anfangen kann. Religion ist Bullshit, siehe George Carlin. Und religiöser Eifer ist gefährlich, denn er verleitet andere dazu, ein paar häßliche Sachen zu sagen, die ganz einfach Unsinn sind. Spreeblick spammt. Right, und ich lecke die Stiefel von Business-Kaspern. Das ist alles komplett hysterischer Bockmist.

Das intelligenteste, was dazu in letzter Zeit geschrieben wurde, kam von Don Dahlmann:

Daß es Menschen gibt, deren Ansichten auch durchaus mal gerne widersprüchlich sein können, die ausprobieren, was in ihrem Leben so geht, und was nicht, und das zu diesem Leben auch das Blog gehört, in dem man sein Leben und seine Widersprüche ausbreitet, das scheint den Horizont einiger Menschen zu sprengen. Es ist leichter, wenn alles einteilbar ist, aber damit stellt man sich selbst ein Bein.

Warum passiert das alles gerade jetzt? Die Antwort ist für mich der (kurzfristige) Erfolg des Schlämmerblogs und der DSDS-News. Die sind an uns allen vorbeigerauscht und sind aus dem Stand auf die vorderen Plätze der (Reichweiten-)Charts gestürmt, und beide existieren aus rein kommerziellen Gründen. Das hat der Blogosphäre gezeigt, wie einfach es ist, mit der Technik "Blog" nach vorne zu kommen. Such Dir ein populäres Thema und das Baby startet durch. Ich glaube, dass hat vielen eine Illusion genommen und so desillusioniert haut man grade einfach alles klein, was einem irgendwie doof und dreckig vorkommt, auch wenn es noch so transparent vorgelegt wird.

Wenn Don schreibt, "dass gerade etwas zu Ende geht", dann bin ich geneigt, auch hier "Unsinn" zu rufen. Aber er hat nicht ganz unrecht. Es verändert sich was. Aber zu Ende geht nichts, denn die Veränderung, die ohne Zweifel stattfindet, hindert niemanden daran, zu bloggen wie, was und womit er will. Blogs sind eine immer noch freie und skalierbare Kulturtechnik, die kann man kommerziell nutzen, muss man aber nicht. Man könnte rummetaphern und sagen: die Blogosphäre gebiert unter Schmerzen ihre professionalisierten Kinder.

Und womit ich auch einmal aufräumen will, ist die Illusion der Kommerzfreiheit. Dazu sei gesagt: das Internet besteht aus den Kabeln der bösen Telekommunikationskonzerne und wurde zu kriegerischen Zwecken entwickelt, der Mac, an dem ich dies alles grade tippe wurde wahrscheinlich in China von einer jungen Mutter zusammengesetzt, die 3 Cent in der Stunde verdient, der Strom der dafür aus der Steckdose kommt, stammt von einem AKW. Wer religiöse Reinheit will und Unbeflektheit, der muss im Wald leben, sich von Beeren ernähren und Kontakt mit Menschen scheuen, dann kann er sagen, er hätte dem Kommerz konsequent abgeschworen. Alles andere ist Rumgewichse mit einer Attitüde, die sich nicht leben lässt.

Man kann es sich so unglaublich leicht machen, dazu braucht man nur zwei Farben. Schwarz und Weiß. Die einen malt man so an, die anderen so. Und wenn einer seine Meinung ändert, wird er einfach übertüncht. Manche Menschen machen es sich so einfach, ich tue das nicht.

Und ansonsten: einfach mal locker bleiben. Was zählt ist der Spaß am Bloggen, die Lust an Publizität, nur darauf kommt es an.

Tags: Advertising Blogs

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